Wo die Tschechen christlich wurden

Ein älteres Gotteshaus als dieses wird man in Tschechien nicht finden. Die Kirche des Heiligen Klement (Kostel sv. Klimenta) gibt es seit dem Jahr 884. Da war es erst ein Jahr her, dass sich der böhmische Herzog Bořivoj I. am Hofe des großmährischen Herrschers Svatopluk I. hatte taufen lassen.

Bořivoj und vor allem seine Frau, die spätere Heilige Ludmilla, betrieben darob in ihren böhmischen Landen (die damals mehr oder weniger den heutigen Großraum Prag umfassten) eine forcierte Politik der Christianisierung. Dazu gehörte auch, dass sie auf dem Gelände ihrer Stammburg Levý Hradec nahe der Ortschaft nur wenige Kilometer nördlich von Prag gelegenen Ortschaft Roztoky oben auf dem Berg eine Kirche errichteten. Nach dem Tode Bořivojs konnte auch in der Regierungszeit der seiner beiden Söhne Ludmilla offenbar über das Gefolge und große Teile des herzoglichen Besitzes verfügen. Vor allem wurde sie Vormund des Enkels, dem späteren Herzog und Heiligen Wenzel.

Das brachte sie in Konflikt mit Wenzels Mutter Drahomíra, die sich um ihren Einfluss gebracht sah, und 921 die Schwiegermutter mit einem Halstuch erwürgen ließ. Dem guten Wenzel wiederfuhr 928 oder 935 (genau weiß man das nicht) ebenfalls ein blutiges Ende zuteil als er von seinem Bruder (und Nachfolger) Boleslav ermordet wurde. Bei allen diesen innerfamiliären Mördereien unter den Přemysliden ging es nicht zuletzt darum, was für ein Christentum sich von der Kirche des Heiligen Klement aus verbreitete. Sollte man sich religiös, kirchenorganisatorisch und machtpolitisach nach Westen – zum Deutschen Reich – orientieren, wie Ludmilla und Wenzel es wollten? Oder Distanz halten, wie es Boleslav (langfristig erfolglos) versuchte?

Diese Fragen wurden allerdings schon bald nach dem Bau der Kirche andernorts entschieden, denn schon um 885 hatte Herzog Bořivoj damit begonnen, den Stammsitz von Levý Hradec auf die von ihm gegründete Prager Burg zu verlegen. Dort gab es auch eine neue Kirche, die heute nicht mehr erhaltenen Kirche der Jungfrau Maria, und bald darauf die zu einem Kloster gehörende Georgsbasilika (wo u.a. die Heilige Ludmilla beerdigt wurde). In deren Besitz fiel übrigens Levý Hradec 1233. Da war es mit der Burg aber schon vorbei, denn der deutsche Kaiser Heinrich III. zerstörte Burg und Kirche im Zuge seines Feldzugs gegen den böhmischen Herzog Břetislav I.. Während die Burg aufgegeben wurde und verfiel, wurde die Kirche immerhin wieder aufgebaut, diesmal im romanischen Stil. Im 14. Jahrhundert fügte man dem Gebäude ein Presbyterium hinzu und gotisierte es durchgängig.

Aus dieser Zeit stammen die sensationellen Fresken in der Apsis. Sie sind sowohl wegen ihres Erhaltungsstandes als auch wegen ihrer künstlerischen Gestaltung bemerkenswert. Sie zeigen Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria, die Passion Christi (Bild rechts) und Darstellungen der Kirchenväter Augustinus, Hieronymus, Gregor und Ambrosius.

Auch böhmische Heilige werden berücksichtigt. Aus einer Nische schaut uns der Heilige Adalbert (im Tschechischen Vojtěch genannt) an. Der wurde 983 unter Herzog Boleslav II. zweiter Bischof von Prag, das er zum eigentlichen Kirchenzentrum Böhmens machte. Insofern steckt eine gewisse Ironie darin, dass er hier abgebildet ist, trug er dadurch zum weiteren Niedergang der Bedeutung der ersten Kirche des Landes bei, die heute eine einfache katholische Gemeindekirche ist. Dass neben ihm auch die heilige Ludmilla in Ehren gehalten wird, versteht sich von selbst, da sie tatsächlich eng mit der Blütezeit der Kirche verbunden ist.

1684 wurde die Kirche umfassend vergrößert. Ein barockes Schiff wurde angebaut, was wohl einige Fresken zerstörte. Dabei wurde auch der Glockenturm errichtet. Von außen sieht man nun eine für viele Kirchen im Lande typische Mischung von Gotik und Barock am Werke. Wenn man es nicht wüsste, könnte man auf den ersten Blick so nicht erkennen, wie alt die Kirche in Wirklichkeit ist.

Aber auf den zweiten Blick! Dazu bedurfte es der Ausgrabungen, die in den Jahren 1939 bis 1941 unter der Kirche vorgenommen wurden. Die förderten die Grundmauern einer Rotunde mit kleiner Apsis zu Tage, die lange Zeit vor dem heute sonst sichtbaren Kirchengebäude gebaut worden sein muss. Das Ganze kann man heute bei einer Führung durch einen kleinen Treppeneinstieg im Inneren der heutigen Kirche besichtigen.

Man kann sogar durch ein Gitter einen kleinen Eindruck vom Innenraum dieser uralten Kirchenrotunde gewinnen (Bild rechts). Die Kirche aus der Frühzeit des hiesigen Christentums war damals wohl recht klein. Zunächst glaubte man, dass es sich tatsächlich um jenen Bau von Herzog Bořivoj und seiner Ludmilla handelte, in dem das Christem in Böhmen begann. Neuere Forschungen des Archäologen und Mediävisten Petr Sommer haben jedoch ergeben, dass die Mauern wohl auf die Zeit um das Jahr 1000 zu datieren sind. Es ist hochwahrscheinlich, dass die Urkirche in Wirklichkeit nur ein kleiner Holzbau war, der die Zeitläufe nicht lange überstanden hat.Nichts ist von ihm geblieben.

Wieder aus dem Keller mit den alten Grundmauern aufgestiegen, kann man noch einige schöne Grabsteine aus dem 16. Jahrhundert bewundern. Hier posiert Lady Edith (der Kirchenführer hatte erlaubt, dasss sie in die Kirche durfte, weil es draußen furchtbar regnete – so sind die Tschechen, wen es um Hunde geht!) vor dem Grabdenkmal von David Boryně ze Lhoty, einem Adligen, der 1565 unterhalb im Moldautal das Schloss Roztoky erworben hatte, das er danach im Renaissancestil umbaute. Die Nachfahren verloren das Schloss nach dem gescheiterten Ständeaufstand von 1618 als die siegreiche Habsburger Seite das Anwesen konfiszierte. David Boryně ze Lhoty, der das gottlob nicht mehr erleben musste, ließ sich bezeichnenderweise nicht unten im Tal beerdigen, sondern in der Klementkirche – ein Zeichen, welch eine Symbolkraft hinter dem Gebäude immer noch steckte.

Und draußen kann man noch ein wenig die alte Burganlage erkennen, zu der die Kirche gehörte. Es hanelt sich um eine Anlage aus dem 9. Jahrhundert. Bořivoj war der erste böhmische Herrscher, dessen Existenz wirklich erwiesen ist. Bei Burgen aus dieser Vorzeit gab es keine Zinnen, Steinmauern und Burgfriede. Meist wurde ein großes Areal mit einem Erdwall umgeben, auf den dann Pallisaden aus Holz gesetzt wurden. Und so sieht man von der Burg Levý Hradec eigentlich heute nur die recht großen Erdwälle.

Die kann man umwandern. Im ganzen Areal ist ein Lehrpfad mit Tafeln errichtet, die über archäologische und historische Details von Burg und Kirche informieren. Die Kirche kann man normalerweise nur von außen besichtigen, außer an Wochenenden. Dann steht ein Führer bereit, der einem die Kulturschätze der doch recht kunstvollen Kirche erklärt. Sollte er nicht unmittelbar auffindbar sein, sollte man in die nahegelegene Medová Kavárna (Honig Café) gehen, und zwar aus zwei Gründen: (a) weil dort ausgezeichneten Kuchen und Kaffee gibt und (b) weil die beim Guide anrufen, der dann auch sofort kommt. Die Hilfsbereitschaft (auch auf Englisch) kennt keine Grenzen. (DD)

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