Beim besten König

Die Tschechen halten ihn in gutem Andenken, ihren guten alten König Jiří z Poděbrad, auf Deutsch Georg von Podiebrad genannt. Wo sonst sollte man dafür Beweise sammeln als an jenem großen Platz in Prag Vinohrady, der nach ihm benannt ist, dem Náměstí Jiřího z Poděbrad?

Der König, der von 1458 bis 1471 Böhmen regierte, war der letzte Tscheche auf dem Thron. Zudem war er der einzige Hussit, der es zum Könistitel brachte, und damit – rund 100 Jahre vor der Reformation – der erste Herrscher, der sich von der katholischen Kirche abwandte. Zudem gilt er mit seinem Friedensmanifest von 1462 als der erste große Visionär eines vereinten Europas. Es gibt also viele gute Gründe, warum die Tschechen auf ihn besonders stolz sind.

Belege findet man (nicht nur) hier an seinem“ Platz genug und wir haben hier und hier schon Beispiele genannt. Aber zu den gelungensten gehört zweifellos das vierstöckige Wohnhaus Jiřího z Poděbrad 1552/3 (Ecke Mánesova). Das Gebäude wurde in den Jahren 1909/10 durch den Baumeister und späteren stellvertretenden Bürgermeister von Vinohrady, Jindřich Břeněk, erbaut. Es trägt den passenden Namen „U naseho nejlepšího krále“ – Zu unserem besten König! Das passte zu dem damals unter Tschechen aufkommenden Nationalpatriotismus, der mehr Autonomie und Freiheit gegenüber den Habsburgern einforderte, die eben irgendwie im Gegensatz zu König Georg Fremdherrscher waren. Die entsprechende Aufschrift mit dem Hausnamen ist leider irgendwann verloren gegangen.

Während des Baus wurden anscheinend die Pläne geändert und dem Wechsel des Zeitgeist angepasst. Jedenfalls zeugt das Haus von einem ungewöhnlichen Stilmix aus Historismus (Neorenaissance) und dem damals neu aufkommenden Jugendstil. Letzterer macht sich vor allem bei den Stuckaturen bemerkbar. Die Malereien sind jedoch ganz und gar der Kunst der böhmischen Renaissance nachempfunden. Auch das war unter den Nationalbewegten der Zeit zu dieser Zeit sehr populär.

Auch ein wenig patriotisch kommt der steinerne Adler daher, der den auch im Stil der Neorenaissance gestalteten Dachgiebel schmückt. Man sieht, dass der Architekt auch an öffentlicher Architektur mit Präsentationscharakter geschult war – was man übrigen an seinen anderen Gebäuden sehen kann, etwas das Bürgerhaus (1896) in seinem Heimatort Vanovice in Südmähren.

Die optische Besonderheit, die von weitem zuerst auffällt, sind jedoch die beiden zum Platz ausgerichteten Balkone auf Höhe des dritten Stocks. Sie sind als aus Holz konstruierte Altane konzipiert, die wiederum auf dem Erker des Stockwerks darunter ruhen. Die ungewöhnliche Materialwahl und der feingliedrige Jugendstil macht die Balkone in ihren architektonischen Umfeld schon zu etwas Besonderem. Und von oben hat man eine schöne Aussicht auf den Platz. Sieht man die Blumenpracht auf dem Balkon, hat man das Gefühl, dass hier ein wahrhaft heimeliges Wohngefühl geschaffen wurde.

Aber es sind ist natürlich nicht die Balkone, die dem Haus den Namen gegeben haben, sonder der gute König Georg von Podiebrad. Seine, auf einem kunstvollen Jugendstilpodest stehende Büste befindet sich über dem ersten Stock in der Mitte der Platzfassade. Das „Portrait“ folgt – vor allem bei der Kopfbedeckung – der Darstellung auf dem Reiterdenkmal des Königs in seiner Heimalstadt Poděbrady, das 1896 von dem Bildhauer Bohuslav Schnirch errichtet wurde. Vertrauenerweckend schaut der gute Herrscher auf die Passanten herab, die unter ihm vorbeigehen. (DD)

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