Moloch mit Aussicht

Jedes Mal, wenn ich mit der Straßenbahn hier vorbeifuhr, dachte ich mir: So scheußlich und trostlos kann nur kommunistische Architektur sein. Aber dann stellte sich heraus, dass jeder noch so schlimme Verdacht gegen die Kommunisten zwar prinzipiell moralisch geboten, aber leider doch nicht immer richtig sein muss. Das im Volksmund Moloch (Molochov) genannte Mietshaus in Kolossaldimension ist nämlich ein Werk der Ersten Republik aus dem Jahr 1938. Da regierten die Kommunisten noch nicht.

Den abwertend gemeinten, aber mittlerweile generell geradezu mit Stolz akzeptierten Beinamen hatte das an der Milady Horákové č 845/72 bis 96 in Bubeneč (Prag 7) über der Letná Höhe gelegene Gebäude schon zu Baubeginn zur Zeit seiner Fertigstellung verpasst gekommen. Aber eigentlich ist es gar nicht richtig, überhaupt von einem Gebäude zu reden. Unter den Führung des Architekten Josef Havlíček war eigentlich vorgesehen, dass hier 13 Wohnblöcke entstehen sollten, die von mehreren Architekten entworfen werden sollte.

Und so wurde es realisiert – nur, dass man das nicht sieht. Havlíčeks Mitarchitekten Ernst Mühlstein, Victor Furth, František Votava, Leo Lauermann und die Brüder Karl und Otto Kohn (letzterer der leibliche, aber nicht-offizielle Vater des berühmten Amadeus-Regisseurs Miloš Forman) bauten Wohnblöcke, die innen sehr unterschiedlich gestaltet waren. Blickt man auf die Rückseite, so wird man auch eine abwechslungsreiche Fassadengestaltung – insbesondere sichtbar bei den Balkonen und Treppenhausfenstern – bemerken. Nur die Fassade zur Letná Höhe hin, die zur Altstadt und zu Burg gerichtet ist, wurde von Havlíček einheitlich gestaltet.

Darauf war er stolz, denn unter den Architekturkritikern der Zeit galt das Gebäude, dessen einheitliche rund 30 Meter hohe Fassade sich nun über satte 252 Meter hinstreckte, als Meisterwerk der funktionalistischen Moderne. Man glaubte, die Großfassade wäre in ihrer Einheitlichkeit ein ästhetischer Gewinn, der einen schönen Kontrast zu den in der Ferne sichtbare Gebäuden des alten Prags böte – ein Eindruck, dem sich vielleicht heute nicht jedermann anschließen möchte. Im Gegenteil: Die Harmonsierung der Fassade strahlt für die meisten Betrachter eine gewisse Monotonie aus – vielleicht auch, weil derartige Architektur keinen experimentellen Neuheitswert mehr besitzt, sondern später phantasielose Massenware wurde.

Aber in den späten 1930 war man zunächst einmal stolz darauf, dass solch ein Avantgardeprojekt nun die Stadt zierte – alles in Stahl und Beton. Die Modernisierer der Tschechoslowakei konnten sich in dem Wohlgefühl wiegen, dass sie mit den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Land der Wolkenkratzer, mithalten konnten. Es war auch für längere Zeit die letzte Gelegenheit, so etwas zu realisieren. 1938 wurde durch das Münchner Abkommen sichtbar, welche Gefahr aus Deutschland von den Nazis ausging. Noch bevor 1939 der Einmarsch kam, hatten sich die Brüder Kohn, beide Juden, vorsorglich ins Exil begeben. Sie hätten mit sieben der Gebäude den Löwenanteil des Ganzen bauen sollen, die nun nach ihren Plänen von Havlíček vollendete. Nach dem Krieg wurde der Funktionalismus, wie er hier in gigantomaner Weise vorgelebt wurde, zum allgemeinen Trend. Fast jede kommunistische Plattenbausiedlung besteht aus Gebäuden, die dem Moloch irgendwie recht ähnlich sehen. In der Tat haben einige Architekten des Molochs nahtlos Anschluss an die sozialistische Plattenbauarchitektur gefunden (etwa Havlíček hier).

Und in kommunistischen Zeiten war der Moloch eine beliebte Wohnlage. Hier wohnten die Prominenten des Regimes. So etwa Karel Hoffman, der in den späten 1960er Jahren Kulturminister war. Das Gebäude bot nämlich einen Wohnkomfort, den viele schöne Altbauten damals noch nicht unbedingt besaßen (Strom, Wasser, Aufzüge etc.). Vor allem aber konnte man von der Einheitsfassade aus einen unglaublichen Blick auf die Stadt genießen (zynisch formuliert: Es war die einzige Aussicht in der Umgebung, von der aus man den Moloch selbst nicht sah). 1964 wurde das Gebäude sogar unter Denkmalschutz gestellt – angesichts der architekturhistorischen Bedeutung auch eine richtige Entscheidung, die unabhängig davon gilt, ob man das Ganze schön findet oder nicht. Aber es blieb nicht aus, was nicht ausbleiben konnte: In den Zeiten des Kommunismus wurde das Gebäude ein wenig vernachlässigt. Was an Glanz geewsen sein mag, ist ein seither arg verwittert. Nach dem Ende des Kommunismus wurde der von Havlíček entworfene westliche Block (der auch der größte ist) renoviert. Die anderen Teile harren noch der Verbesserung. Das verstärkt den Eindruck von Trostlosigkeit, der sich bei Gebäuden dieser Art ja schnell einstellt. Aber die Aussicht von dort ist immer noch schön und die Umgebung hier in Bubeneč gentrifiziert sich rapide. Die stiegende Nachfrage nach Wohnraum lässt hoffen, dass man dem Bau schon bald einige Renovierungs- und Verschönerungsmaßnahmen angedeihen lässt. (DD)

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