Dem großen Ökonomen gewidmet

Wenn der Staat etwas Gutes tun will und zum Beispiel die Grundsteuer für reiche Wohnungsbesitzer erhöht, kann es sein, dass der Vermieter die Erhöhung auf die (möglicherweise armen) Mieter umschichtet, die nun eine höhere Miete zahlen. Gute Absicht, schlechtes Resultat! Steuerüberwälzung nennt der Volkswirt so etwas. Josef Kaizl hat alleine dafür, dass er dieses Phänomen erstmals systematisch erforschte und als Lösung ein möglichst für alle gleiches und einfaches Steuersystem vorschlug, verdient, dass man nach ihm in in Prag einen Park benannte.

Seine Ideen über Steuerüberwälzung legte er 1882 in seinem Buch Die Lehre von der Überwälzung der Steuern dar. Kaizl war ein höchst anerkannter Ökonom. Seit 1879 hatte er eine Professur an der Karlsuniversität inne. Sein zweibändiges Handbuch Finanční věda (Finanzwissenschaft) von 1888 blieb in den böhmischen Ländern lange ein Standardwerk. Darüber hinaus war er auch eine politisch bedeutende Figur im Lande. Als Mitglied der Jungtschechischen Partei (Mladočeši) – bisweilen auch Freisinnige Nationalpartei (Národní strana svobodomyslná) genannt – wurde er 1885 Mitglied im Reichsrat (Abgeordnetenhaus) der östereichischen Reichshälfte (Cisleithanien) des Habsburgerreiches. Über lange Zeit blieb er eine unumgehbare blieb Größe in der böhmischen Politik. Schließlich, in den Jahren 1898 bis 1899 war er sogar Finanzminister in der Regierung unter Franz von Thun und Hohenstein – ein Amt, das vor und nach ihm im Habsburgerreich kein Tscheche innehaben sollte! Mit seinem realistischen und gemäßigten Einsatz für mehr Rechte für die Tschechen im Reich wurde er zum Lehrmeister von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Präsidenten der Ersten Tschechoslowakischen Republik, dessen Ideen Kaizls liberalem und demokratischem Nationalismus sehr ähnelten.

Der nach ihm benannte Kaizl Park (Kaizlovy sady) mit einer Größe von 1,6 Hektar wurde bereits 1901, dem Jahr des Todes des Ökonomen und Staatsmannes durch den Architekten Julius Krýs angelegt – was zeigt, welchen Eindruck Kaizl auf die Zeitgenossen gemacht hatte. Der Park liegt im Stadtteil Karlín (Prag 8) in Sichtweite der alten barocken Invalidenanstalt (Invalidovna), über das wir bereits hier berichteten. Das Gebäude kann man durch die Bäume ganz in der Nähe sehen und es trägt zum Reiz des Ortes bei.

1952 waren die Kommunisten in der Tschechoslowakei schon vier Jahre an der Macht. Erst dann merkten sie anscheindend, dass Kaizl ein waschechter Markttliberaler war, der um der ideologischen Reinheit Willen unter Kommunisten nicht Namensgeber eines großen Parks sein durfte. Man nannte die Grünanlage also in Haken Park (Hakenovy sady) um. Der Namenspatron war nun Josef Haken, ein Mitbegründer der Kommunistischen Partei (1921) in der Zeit der Ersten Republik. Das war ein weltanschauliches Kontrastprogramm erster Güte. In der Zeit des Kommunismus wurden einige kleinere Veränderungen an der Parkanlage vorgenommen. Vor allem wurde 1964 die recht nett anzuschauende Statue eines sitzenden Mädchens in der Parkmitte aufgestellt. Sie ist das Werk des Bildhauers Břetislav Benda, einem Schüler von Josef Václav Myslbek, dem Schöpfer der großen Wenzelsstatue auf dem Wenzelsplatz.

Auch ein kleiner Teich, der in Beton gefasst ist, wurde im Park angelegt. Aber über die Jahre wurde der Park (auch nach Ende des Kommunismus) ein wenig vernachlässigt. Immerhin benannte man ihn schon 1991 in Kaizl Park um, um den großen Ökonomen und Staatsmann zu ehren. 2010 und 2011 renovierte man dann den Park grundlegend und legte teilweise neuen Baumbestand an.

Der Park ist nun eine schöne Ruheoase für die Bürger der Umgebung. Er passt sich auch gut in das prachtvolle architektonische Umfeld ein. Dieser Teil von Karlín ist von wunderschönen Jugendstilhäusern geprägt, die vom wirtschaftlichen Auftsieg der damals noch außerhalb Prags liegenden Gemeinde zeugt, der Anfang des 20. Jahrunderts zu beobachten war.

An Kaizl selbst erinnert fast nichts in dem Park – außer dem Namen. Vielleicht könnte ihm doch irgendwann ein kleines Denkmal in seinem Park gewidmet werden. Wer so etwas sehen will muss daher entweder die Böhmerwald gelegene Kleinstadt Volyně besuchen, wo er 1854 geboren wurde. Dort errichtete man ihm schon 1903 (zwei Jahre nach seinem Tode) eine Gedenkbüste.

Wer in Prag seiner gedenken will, kann immerhin sein Grab besuchen, auch dem sich allerdings ebenfalls kein Portrait Kaizls befindet. Es ist aber ein sehr kunstvolles Grab an einem bedeutenden Ort, der Promenadengalerie des Nationalfriedhofs auf dem Vyšehrad. Das Grab wurde von dem bedeutenden Bildhauer Bohumil Kafka (kein Verwandter von Franz Kafka!) in einem symbolistischen Jugendstil gestaltet. Es stellt eine auf einem Steinsockel befindliche bronzene Engelsgestalt als Umarmung der Liebe und des Todes (Objetí lásky a smrti) dar. Der Engel soll dem Ausehen der Tochter Kaizls nachempfunden sein. (DD)

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