Ein Bier auf Eliška!

Keine anomyme Hotelkette. Nein, ein Hotel aus der guten alten Zeit. Plüschig und pompös, wie es sein soll. Und drinnen eine Top-Brauerei. Schon nach wenigen Schlucken des guten Gerstensafts verspürt man den Wunsch, sich bei voller Geschwindigkeit im Auto den Fahrtwind um die Nase zu wehen lassen!

Das sollte man sich im Interesse der Verkehrssicherheit natürlich verkneifen, um lieber gemütlich sitzend weiterzutrinken. Aber jetzt bedarf es vielleicht doch einer Erklärung, wie Hotel, Bier und Rennfahrerei zusammenhängen. Beginnen wir im Jahre 1908. Wir befinden uns in der kleinen Gemeinde Jíloviště, rund 18 Kliometer vom Prager Stadtzentrum entfernt. In diesem Jahr wurde hier die große Autorennbahn Zbraslav–Jíloviště (Závod Zbraslav–Jíloviště) eröffnet. Und zwar in Gegenwart von Erzherzog Karl, der später von 1916 bis 1918 der letzte Kaiser des Habsburgerreichs werden sollte.

Die Rennbahn erstreckte sich über 5,6 zum nördlich benachbarten Zbraslav an der Moldau. Insbesondere in den 1920er Jahren war der Motorrennsport zu einer Massenmanie geworden, die riesige Volksmassen anlockte. Rennfahrer waren die Mega-Stars der Zeit. Und davon profitierte der Ausflugstourismus in Jíloviště. Und da die Besucher gut nächtigen wollten, entstanden ungewöhnliche Prachthotels. Dazu gehörte das 1921/22 erbaute Hotel Hubertus, aber vor allem das Hotel Palace Cinema aus dem Jahre 1926, das das erste Haus am Orte wurde. Eigentlich hieß es nur Hotel Palace, aber da es neben der Aussicht auf Wagenrennen auch noch ein Kino bot, was damals fast so sensationell war wie Rennwagen, bürgerte sich der Name Palace Cinema ein, dessen Schriftzug heute über dem Dach prangt.

Nun: Das Kino gibt es schon lange nicht mehr. Und auch auf der Rennbahn fand das letzte Autorennen im Jahr 1931 statt. Rennfahrerlegende Rudolf Caracciola schaffte dabei auf seinem Mercedes-Benz SSKL den Streckenrekord von 2 Minuten und 42,73 Sekunden, was nie wieder eingeholt werden sollte. Danach wurde die Rennstrecke ins normale Straßennetz integriert und ist heute teilweise mit der Autobahn D4 identisch. Vom Hotelvorplatz kann man die Auffahrt auf die Autobahn gut erkennen (Bild links). Die Zeiten des großen Massenandrangs waren damit auch für das Hotel zu Ende.

Es wurde ruhiger. Das Hotel an der Všenorská 45/0 verfiel in einen Dornröschenschlaf. Immerhin findet seit 1967 an jedem Wochenende vor Ende der Schulsommer eine Oldtimer-Rallye auf Teilen der alten Rennstrecke statt, die vom Veteran Car Club Praha organisert wird. Das ist eine Mordgaudi und bringt seither auch für einen Tag Gäste nach Jíloviště. Aber um ein solches Hotel am Leben zu erhalten, bedarf es mehr. Es begann in den 1990ern, als der Kommunismus beendet war. Da wurde erst einmal der Verfall, den die Planwirtschaft produziert hatte, gestoppt und es wurde renoviert. Die Inneneinrichtung strahlt seither, wie das Photo der Rezeption oberhalb rechts zeigt, eine Atmosphäre von Rennfahrernostalgie aus, die das Herz höher schlagen lässt.

Aber die echte Knüller-Idee wurde erst 2017 realisiert, nämlich die Eröffnung der Kleinbrauerei Ettore (Minipivovar Ettore Jíloviště). Ettore? Aber das klingt nicht sonderlich Tschechisch. Ist ja auch ein italienischer Name, genauer: der Vorname von Ettore Bugatti. Der war in den 1920er/1930er Jahren der große Rennwagenbauer schlechthin. Da es sich eigentlich um ein Hotel handelt, kann man natürlich auch sein Abendessen mit feinen Speisen mit Cocktails oder Wein genießen.

Wer aber als Ausflügler vorbeikommt, findet in dem wohl später angebauten, aber sehr authentisch wirkenden Wintergarten genau das Ambiente für alle, die Bier und Rennfahrerei gleichermaßen lieben. Man sieht es oben im großen Bild. Zu dem ausgezeichneten Bier kann man sich dann auch die etwas kruderen, aber passenden Klassiker der tschechischen Brauküche gönnen, wie etwa der eingelegte Hermelin (kein Nagetier, sondern die tschechische Variante des Camemberts), den wir im Bild rechts sehen, zusammen mit einem eigengebrauten milden Lagerbier mit Namen Ettore.

Da ist er wieder, der Bugatti. Alle vier angeboteten Biere haben nämlich einen Bezug zum Rennfahren. Etwa das halbdunkle Lagerbier Royale, das nach dem berühmten Bugatti 41 Royale benannt ist. Oder das ungefilterte Dunkelbier Black Bess, das dem legendären Bugatti 18 Black Bess seinen Namen verdankt. Passend dazu hängen an den Wänden und Säulen alte Plakate der Autorennen, die hier einst stattfinden, sowie allerlei passende Gerätschaften (etwa Zapfsäulen). Im Mittelpunkt stehen dabei aber die Rennfahrer der damaligen Zeit selbst. Sie werden ausführlich dargestellt und zieren in Rahmen das Etablissement.

Aber eine Person steht dabei unerreichbar über allen. Sie ist der der absolute Star und nach ihr ist auch das Bier benannt, auf das die Brauerei am meisten stolz ist, das mild-kräftige Pale Ale Eliška. Die Rede ist von Eliška Junková. 1926 hängte sie in ihrem Bugatti 35 alle männlichen Rivalen ab und gewann das Rennen Zbraslav–Jíloviště souverän. Unter den Unterlegenen befand sich übrigens auch ihr Ehemann Čeněk Junek, der damals zu den renommiertesten Rennfahrern des Landes gehörte. Junková stieg als nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch international als eine der ersten Frauen, in dem damals absolut männerdominierten Rennsport zu Weltliga auf. Ihr Mann nahm die Niederlage gelassen hin. Beide fuhren – auch zusammen – noch viele Rennen. 1928 beendete eine Tragödie die glückliche Ehe, denn Čeněk Junek wurde im Juli des Jahres der erste Rennfahrer, der am Nürburgring sein Leben ließ, während seine Frau auf der Tribüne saß. Die gab den Rennsport danach auf, gehörte aber zum Verkaufsteam von Bugatti und wurde Aushängeschild der Firma. Es folgten etliche andere internationale Geschäftstätigkeiten, bis die Kommunisten ihr umgehend nach der Machtergreifung 1948 ein internationales Reiseverbot auferlegten, das erst 1964 aufgehoben wurde. 1967 spendet sie übrigens den Preis für das heutige Oldtimer-Rennen hier. In Tschechien blieb sie auch nach ihrem Tod 1994 (im stolzen Alter von 94) eine Ikone und ein bewundertes Idol für alle emamzipierten Frauen.

Man kann stundenlang umhergehen, um an den Wänden die Geschichte dieser unbeugsamen und höchst bemerkenswerten Frau zu studieren, die hier groß in Ehren gehalten wird. Wer also hier in der Braugaststätte des Hotel Palace Cinema in Jíloviště einkehrt, sollte daher sein Glas mit dem guten Eliška erheben, um mit dem Eliška auf die große Eliška oben im Rennfahrer(innen)-Himmel zu trinken. (DD)

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