Präsidentenkarosse

Heute wäre Václav Havel 85 Jahre alt geworden. Der Schriftsteller, Dramatiker und Dissident, der 1989 nach dem Fall des Kommunismus der erste demokratische Präsident des Landes wurde, prägt die Politik in Tschechien bis heute. Wenn man verstehen will, warum Havel bis heute als die Verkörperung demokratischer und liberaler Werte so sehr verehrt wird, könnte ein Besuch beim Technischen Nationalmuseum (Národní technické muzeum) möglicherweise erhellender sein als jede politische Präsentation. Man muss sich dort nur nach dem unscheinbarsten Ausstellungsstück umschauen.

Nichts sieht irgendwie besonders präsentationswürdig an dem PKW des Typs Renault 21 TSE aus, aber die Geschichte dahinter ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Seit Mitte der 1990er Jahre steht er hier im Museum und das Besondere ist: Dieses Auto gehörte Václav Havel, ja es diente sogar als präsidentielle Staatskarosse zu Beginn seiner Präsidentschaft. Im November 1989 war die Samtene Revolution ausgebrochen und das kommunistische Regime kollabierte innerhalb kürzester Zeit. Die Demokratiebewegung war nur wenig institutionell konsolidiert und musste bei der Übernahme der Verantwortung anfänglich viel improvisieren.

Aber es gab auch Hilfe. Zu den hilfreichen Geistern gehörte u.a. auch der portugiesische Präsident Mário Soares. Der Sozialist hatte zuvor als erster demokratisch gewählter Ministerpräsident 1976 sein Land nach langer Militärdiktatur in die Freiheit geführt und unterstützte von vornherein die Bestrebungen Havels und seines Dissidentenkreises. Im November trat er als Schirmherr einer Aktion auf, bei der Jugendliche aus Porto 50.000 Rosen nach Prag brachten, um die Revolution symbolisch zu unterstützen. Am 28. Dezember kam er selbst nach Prag, um die Wahl Havels zum Präsidenten am nächsten Tag mitzuerleben. Er war das erste westliche Staatsoberhaupt, das der nunmehr freien Tschechoslowakei einen Besuch abstattete. Als Havel gewählt worden war, stellte sich heraus, dass der keine präsidentielle Limousine hatte, oder besser: Es gab zwar welche, aber die waren sowjetische Protzkarren vom Typ ZiL-41045, die so sehr ein visuelles Symbol des alten Regimes waren, dass Havel sie auf keinen Fall benutzen wollte. Als Soares das Problem mitbekam, reagierte er schnell. Er rief den lokalen Repräsentanten von Renault an und am nächsten Tag hatte Havel eine „Staatskarosse“.

Nun ist der R 21 nicht wirklich eine Staatskarosse, sondern ein doch eher unscheinbarer Mittelklassewagen. Aber gerade das schien Havel zu gefallen. Ohne Chauffeur nutzte er den Wagen immer noch über die nächsten Monate, obwohl er bis dahin schon längst ein Gefährt im Luxussegment hätte fahren können, so wie dereinst Tomáš Garrigue Masaryk, der erste demokratische Präsident der Republik nach 1918, dessen prachtvoller (aber nicht auch übertrieben prachtvoller) Staatswagen von Typ Tatra 80 aus dem Jahr 1935 (Bild links) nur wenige Meter entfernt von Havels Renault steht.

Havels neuer Renault stand für den Abschied vom roten Staatsbonzentum. Und es war ein westliches Auto. Und schon aus Trotz gegenüber den Kommunisten hatte Havel schon als junger Dissident sich gerne westliche Autos besorgt (was nicht immer leicht war). 1964 war sein erstes Auto ein französischer Simca 1000. Als 1968 mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendet wurde, besaß Havel gerade einen deutschen Mercedes W114. Wegen seines Protestes gegen die Unterdrückung der neugewonnen Freiheiten erhielt er Berufsverbot als Schriftsteller und musste eine zeitlang als Lagerarbeiter in einer Brauerei arbeiten. Den leitenden Funktionären dort missfiel es ungeheuer, dass der Lagerarbeiter neben ihren Autos mit sichtlicher Freude ein viel größeres und prestigeträchtigeres Auto auf dem Firmenparkplatz abstellte. Er musste sich bald einen Parkplatz außerhalb des Geländes suchen… Havel und seine Autos – das war immer auch eine Frage der Politik. Der bescheidene Renault im Technikmuseum führt das dem Betrachter auf sympathische Weise vor. (DD)

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