Tyrš mit Fügner in der Fassade

Der gebogene Straßenzuschnitt und eine auf Rundbögen ruhende Eisenbahntrasse direkt vor der Tür haben nicht nur dazu geführt, dass das Gebäude einen eigenwillig asymmetrischen Zuschnitt hat. Vor allem kann es optisch seine Pracht so kaum mehr entfalten. Die symbolisiert daher zunächst nur der weit oben auf dem Dachgiebel seine Schwingen entfaltende Falke.

Die Rede ist von der Sokolovna in der Malého 319/1 im Stadtteil Karlín – ein recht ansehnliches Bauwerk im Stil der Neorenaissance, dessen Verbleib im architektonisch unverdienten Aschenputteldasein sich schön durch die mit Teleobjektiv gemachte Aufnahme von der Höhe des Vítkovberges erklären lässt (Bild links). In der Tat: Das Gebäude ist schon recht eingepfercht worden!

Die eigentliche Pracht lässt sich wiederum mit dem Bauherrn erklären. Die Sokolovna in Karlín gehörte, wie der Name bereits suggeriert, dem Turnerbund Sokol (das tschechische Wort für Falke, daher der Falke auf dem Dach!). Der war, als er 1862 von Miroslav Tyrš gegründet wurde, nicht nur etwas für Freunde des Sports, sondern das eigentliche Rückgrat der tschechischen Nationalbewegung, die sich für mehr Selbstbestimmung und Freiheit im Habsburgerreich einsetzte (siehe auch früheren Beitrag hier). Jeder patriotische Tscheche, der etwas auf sich hielt, war Mitglied beim Sokol – ganz egal, ob er wirklich der fitte Typ war oder eher eine Couch Potato. Bedeutende Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Jan Neruda, der erste Präsident der Tschechoslowakischen Republik Tomáš Garrigue Masaryk, sogar Frauen (für deren Rechte man sich im Sokol auch einsetzte) wie die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Karolina Světlá, wirkten im Sokol mit.

Dieses lokale Sokol-Gebäude wurde 1886/67 von dem Architekten Josef Blecha erbaut, der in Karlín sein eigenes Bauunternehmen besaß. Es folgt den damals modernen Vorgaben der Renaissance bei der Gestaltung der Fassade – etwa durch die Strukturierung vermittels Pilastern oder dem hübschen Giebel und seinem kraftvoll wirkenden steinernen Falke mit der Aufschrift „Sokol“ darunter. Die Sporthalle drinnen wurde in den 1920er Jahren im Art Déco-Stil umgebaut, aber draußen blieb der Eindruck des Originalgebäudes erhalten.

Wie die meisten Sokol-Gebäude, die das ganze Land überziehen, wird auch hier der Gründer Miroslav Tyrš prominent verewigt. Seine Portraitbüste findet sich in einer Nische oben an der Fassade des zweiten Stocks (Bild rechts) – eingerahmt von einer opulenten Kartusche. Das Ulkige an Tyrš ist übrigens, dass er, der er die größte Nationalbewegung der Tschechen gründen sollte, eigentlich deutschstämmig war, und im realen Leben Friedrich Tiersch hieß.

Gegenüber auf der anderen Seiter der Fassade befindet sich – geradezu gleichberechtigt – die Büste von Jindřich Fügner (Bild links). Das musste sein, nicht nur weil Fügner einer der engsten Mitstreiter Tyrš’s war, sondern auch Gründer der Prager Sektion und zugleich Erbauer der ersten Turnhalle in Prag überhaupt. Ihm wird besonders positiv zugeschrieben, dass er sich dafür einsetzte, dass sich die Turnerbewegung nicht nur national, sondern vor allem auch liberal und demokratisch ausrichtete. Das setzte sie am Ende deutlich von der deutschen Turnerbewegung des antisemitisch angehauchten Turnvaters Jahn ab. (DD)

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