Rosa Torte oder Schmetterling?

Als die „rosa Torte“ bezeichnet die Presse das Gebäude in der Regel, wenn die Rede vom Hotel Don Giovanni ist. „Kitsch“ ist noch eines der milderen Attribute, die man in Architektenkreisen sonst so verwendet. Und auch drinnen – nun, man sieht es ja im großen Bild… Aber über Geschmack kann man ja bekanntlich immer und unendlich streiten. Sicher ist: Dieser Hotelbau gehört zu den auffälligsten seiner Art in ganz Prag.

Auf jeden Fall gibt es auch übertriebene Kritik. Etwa die, dass es optisch ein störender Fremdkörper in der Umgebung sei. Nun muss der Fairness halber gesagt werden, dass die Adresse in der Vinohradská 2733/157a im Stadtteil Žižkov, gelegen zwischen der Metrostation Želivského (wir berichteten hier) und Neuem Jüdischen Friedhof (auch hier), für Touristen und andere Gäste des Hotels sehr verkehrsgünstig gelegen ist. Aber bei dem unmittelbaren Umfeld handelt es sich gewiss nicht um das schönste in Prag. Drumherum verlaufen große Verkehrsachsen. Die Gebäude in der Nähe sind meist phantasielose Betonklötze. Unmittelbar vor dem Hotel befindet sich (was eigentlich sehr praktisch ist) ein unschöner Busbahnhof. Was immer man über Hotel sagen kann, es zerstört kein schönes historisches Stadtbild.

Weil aber das Hotel so verbissene Kritik seitens der Architekturkritiker erfuhr, ist es nur fair, dass an dieser Stelle auch einmal der Architekt Ivo Nahálky zu Wort kommen kann, der das postmoderne Gebäude in den Jahren 1993 bis 1995 erbaut hat. Der war den Kollegen sowieso ein Dorn im Auge, weil man sich bis dato in dem Mythos erging, dass hässliche Hotelgebäude in Prag ja immer das Werk von ausländischen Architekten im Dienste ausländischer Hotelketten seien. Nun ist Nahálky Tscheche. Und das Hotel ist heute (nachdem es erst der österreichischen Bogner- und dann der deutschen Dorint-Gruppe gehörte) auch noch seit 2016 in der Hand einer genuin tschechischen Hotelkette namens Czech Inn Hotels. Das kratzt das tschechische Selbstwertgefühl (zumindest in der höheren Liga der Architekturkritiker) arg an.

In einem Interview erklärte Nahálky 2018 im Nachhinein, er wollte „ein Gebäude … bauen, das zeitgemäß ist und gleichzeitig kein anderes kopiert“. Dann noch schwärmerischer: „Ich suche Inspiration in der Natur, die für alle Künstler eine unerschöpfliche Ressource ist.“ Und so, als ob er die Kritiker, die ihn unter Kitschverdacht stellten, noch einmal so richtig provozieren wollte, erzählte er von einem kleinen Laden am Rande der Altstadt, den er einst besuchte, und der präparierte Schmetterlinge verkaufte. Das hätte ihm die Idee gegeben: „In diesem Moment wurde mir klar, warum sollte ich nicht die Form eines Schmetterlings in das Gebäude einbetten? Die Idee wurde verwirklicht und ist da.“

Ja, die ein wenig versetzt übereinander gesetzten Stockwerke mit ihren geschwungenen Fassaden und ihren abgerundeten Ecken erinnern mit einiger Phantasie im Grundriss tatsächlich an Schmetterlinge, aber ganz aus der Welt schafft die Schichtung der Etagen mit ihrer Höhe den Rosa-Torten-Verdacht nicht wirklich. Macht nichts, denn es geht um mehr, denn – ganz und gar poetisch ausgedrückt – es sei ein „Gebäude, das ich als die perfekte Einheit von Außen und Innen betrachte, und für mich ist es der Höhepunkt menschlichen Einfallsreichtums.“

In der Tat: Betritt man die Hotelhalle, so steigert sich der außen gewonnene Eindruck noch einmal um das Unermessliche. Die Treppe fließt geradezu um den Mann, dem das Hotel seinen Namen verdankt: Mozart! Er schuf mit seiner im schönen Prag 1787 urausgeführten Oper Don Giovanni den großen Charakter, der Nahálky zu seinen Inspirationen verhalf. Und so steht Mozart nun unter einem glitzernden Sternenhimmel, der … nun ja, ich wollte eigentlich das Wort „kitschig“ nicht verwenden, tue es also auch nicht…. Der Sternenhimmel soll an ein Herz erinnern und damit an die gebrochenen Herzen erinnern, die der alte Schwerenöter Don Giovanni hinterließ. Seufz! Oder um noch einmal Nahálky zu Wort kommen zu lassen: „Es ist eine Geschichte, die dem Gebäude Geist und Form gab.“

Überall im Haus (auch auf den Zimmern, wie mir Freunde erzählten, die dort übernachteten) sind Mozart und seine Musik allgegenwärtig. Kostüme aus Inszenierungen von Opern (meist Don Giovanni, natürlich) finden sich allerorten in Vitrinen. Schon im Foyer stehen zwei (!) Klaviere, eines davon an der Bar. Sämtliche Konferenzräume sind natürlich nach Charakteren aus der Oper benannt, wobei mir entfallen ist, welche Rolle eigentlich die Person „Business Lounge“ in der Handlung hat. Auf jeden Fall: Was immer man in Sachen Geschmack dazu sagen will; irgendwie ist das Ganze stimmig.

Dazu, nebenbei bemerkt, offeriert das 4-Sterne-Hotel allen erdenklichen Service: Restaurants, Bars, Shops, Spa, Wellnessbereich, Konferenzräume, Friseur, Massagestudio und was man sonst in einem Hotel von internationalem Standard erwarten kann. Bei den Gästen scheint das Haus auch beliebt zu sein. Und trotzdem: Auch Jahrzehnte nach der Einweihung verfolgen die Kritiker den Bau mit Hass und versuchen, ihm den Titel „hässlichstes Gebäude Prags“ anzuhängen. In entsprechenden Rankings (etwa hier auf Platz 9) schafft es das Hotel auch in die Spitzenränge. Wie kommt das?

Nun, ich muss gestehen, dass ich im kargen architektonischen Umfeld das Gebäude schon immer wie einen putzigen Farbtupfer, nicht wie einen Fremdkörper empfunden habe. Gerade weil es sich an der Grenze von Kunst und Kitsch befindet, kann ich mir ein erheitertes Lächeln nie verkneifen, wenn ich daran vorbeifahre. Vielleicht darf man hinter der Architektur, der Innenausstattung und der überschäumenden poetischen Auslassungen des Architekten auch ein wenig Ironie und Witz vermuten. Das wäre in der Tat sehr tschechisch! Und damit kommt man wieder zu der Frage: Warum dieser Hass?

Vielleicht steckt dahinter eine kommunistische Verschwörung. Wer weiß? Womit wir bei der Vorgeschichte des Hotels sind. Es befindet sich auf einem ehemaligen kommunalen Gelände von großen Ausmaßen. Die bürgerliche Stadtregierung wollte das Gelände nach dem Ende des Kommunismus verkaufen. Das Hotelunternehmen kaufte es für 80 Millionen Kronen, die nun ins Stadtsäckel flossen. Die örtliche Kommunistische Partei (KSČM Praha 3) war dagegen und wollte das Ganze nur verpachten. Endgültig als Stich in das kalte rote Herz empfanden sie es, dass man nicht nur Land an einen Hotelkapitalisten verkaufte, sondern den östlicheren Teil des Geländes an Radio Free Europe – Radio Liberty, das in den Zeiten des Kalten Krieges so viel zum Untergang des Sowjetkommunismus beigetragen hatte (früherer Beitrag hier). Und dem trauert die KSČM bekanntlich immer noch nach. Weder Radio Free Europe noch das Hotel konnten die Kommunisten verhindern. Die Wut darüber saß tief. Noch 2012 beschwerte sich ein Kandidat über die damaligen Ereignisse, „ich versichere Ihnen, dass es uns bei der Baukommission gelungen ist, noch schlechtere Optionen zu verhindern. Es hätte eine noch größere und aufgedunsene Schachtel sein können.“ Ärger kann man seine Empörung über den Kapitalismus und seine Werke nicht ausdrücken.

Leider ist es mir noch nicht gelungen, der Verschwörung tiefer auf den Grund zu gehen, und zu zeigen, warum auch ausgesprochen bürgerliche Architektur-Kritiker sich ebenfalls recht despektierlich äußerten, wie etwa Zdeněk Lukeš („Dies ist die Art von Architektur, die Prag entehrt.“), der ehemalige Architekturberater von Präsident Václav Havel. Der war ja gewiss nicht des Kommunismus‘ verdächtig. Vielleicht gibt es ja keine Verschwörung. Vielleicht versteht nur keiner die Ironie hinter dem Gebäude. Ironisch zu sein, ist ja immer gefährlich, weil nur die wenigsten Ironie verstehen. Oder vielleicht steckt in dem Entwurf auch keine Ironie, sondern es handelt sich tatsächlich um Kitsch pur. Ist egal, ich finde das Gebäude irgendwie einfach schräge und mag es. Punkt! (DD)

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