Silo mit Zukunft

Der Stadtteil Holešovice (Prag 7) war dereinst das rauhe Arbeiterviertel der Stadt. Doch in den letzten Jahren hat er sich in rekordverdächtig schneller Weise „gentrifiziert“ und gilt größtenteils als „cooler“ Distrikt mit ausgesprochen hohem Mietniveau. Kein Wunder, dass man hier in Sachen Bausubstanz auf enorme Kontraste stößt – besonders an den alten, längst nicht mehr in Betrieb befindlichen Hafengebieten am Moldauufer – so wie hier bei den Ruinen dieses alten Silos, dessen Aufpolierung möglicherweise nicht mehr weit in der Ferne liegt.

Wenn man am Ufer entlang spaziert, könnte man fast meinen, man habe eine kleine alte Ritterburg vor sich. Wie bewehrte Türme sehen die vier auf quadratischem Grundriss gebündelten runden Betonsilos aus. Und gekrönt werden sie durch eine archaisch aussehende Holzkonstruktion mit Spitzdächern, die auf die vier Silos gesetzt wurde, und ihnen ein wenig das modernistisch-brutale Äußere nehmen, die solchen Nutzbauten normalerweise innewohnte. Aber der erste und nur aus der Ferne glaubwürdige Eindruck täuscht. Das seltsam anmutende Gebäude wurde wohl erst in den frühen1960er Jahren erbaut. Und damals gehörte das umgebende Areal zum äußersten Südzipfel des Moldau-Hafens. Der Silo selbst war für Kies bestimmt, der hier verladen wurde

Der Holešovicer Hafen (Holešovický přístav) wurde in den frühen 1890er Jahren erst als Winterhafen eingerichtet, dann aber zwischen 1896 und 1910 zu einem veritablen Handelshafen ausgebaut. In dieser Zeit wurde die Moldau durch Begradigungen und etliche Schleusen bis zur Elbe schiffbar gemacht, so dass man von Prag aus per Schiff bis nach Hamburg kam und von da aus in die ganze Welt. Der Hafen boomte. Eine Eisenbahnverbindung wurde gelegt, die das Ladegut aus ganz Böhmen heranschaffte, wenn es nicht im ebenfalls florierenden Holešovice selbst produziert wurde. Während im Nordteil des Hafens noch etliche schmucke und denkmalgeschützte Gebäude an die alte Pracht erinnern, sieht man hier fast nichts mehr vom alten. Im Bild oberhalb rechts sieht man einen kleinen Rest eines gemauerten Kais, während auf dem gegenüber liegenden Ufer noch die Ruine kleinen Lagergebäudes blieb.

Denn: Nach dem verdienten Untergang des Kommunismus im Jahre 1989 zeiget sich, dass der ganze Hafenbetrieb im Prinzip unrentabel war. Der Hafenbetrieb (und natürlich der Betrieb des Silos) wurde in den 1990er Jahren eingestellt und es begannen unschöne Zeiten für das Areal, das letztendlich vergammelte und verfiel. Aber eigentlich ist eine schöne Uferlage doch ein toller Wohn- und Bürostandort. Und (modern umgebaute) alte Industriearchitektur ist ja seit einigen Jahren ausgesprochen en vogue unter trendigen Start-up-Unternehmern. Kurz: Es war absehbar, dass der Dämmerzustand, in dem sich das Areal befand, bald enden würde. Und so ist es. Schaut man von gegenüber liegenden Ufer herüber, sieht man, wie riesige noble Büro- und Apartmentkomplexe gleichsam wie Pilze aus dem Boden schießen.

Nur das südliche Areal mit dem Silo befand sich längere Zeit noch ein wenig im Dornröschenschlaf. Aber auch dessen Ende ist abzusehen. Denn der Silo liegt auf einem – heute zugegebenermaßen noch nicht besonders gepflegten – Grünstreifen, hinter dem zur Zeit ebenfalls Neubauten mit Flusssicht entstehen. Einer davon sind die Lighthouse Vltava Waterfront Towers, ein 2001 bis 2004 errichteter Büroturm (Bild rechts). Errichtet wurde der Komplex von dem 2021 verstorbenen Großinvestor Tamir Winterstein, der zu den wichtigsten Stadtentwicklern des modernen Prags gehört und sich als großzügiger Mäzen in der Stadt einen guten Namen erworben hatte. Und in dieser Eigenschaft wurde er auch bald aktiv, was das Areal um den Silo angeht.

Winterstein traf eine Abmachung mit der Stadtregierung, dass er hier einen großen Park anlegen wolle. Der sollte Ladislav Park (Ladislavův park) heißen. Warum, das zeigt schon eine der ersten Investitionen in der neuen Grünanlage, nämlich ein kleines Denkmal mit einer Inschrifttafel. Die ist Ladislav Winterstein gewidmet, dem Namensgeber des Parks, und trägt die Inschrift: „Ladislavův Park – Dieser Park wurde am 8. Juni 2005 eröffnet. Der Park wurde von Lighthouse Vltava Waterfront Towers in Zusammenarbeit mit dem Vltava River Basin SP, Prag 7 und der Stadt Prag gebaut. Der Park ist nach Herrn Ladislav Winterstein (1913-2000) benannt, der den Holocaust und die kommunistische Repression überlebte und der erste Konsul der Tschechoslowakei in Israel war.“ Es handelt sich, wie man möglicherweise dann doch beim Lesen errät, um den Vater des Investors.

Nur einige Meter entfernt wurde bereits bei der Eröffnung des Parks 2005 ein Spielplatz eingerichtet. Das Ganze nimmt langsam sichtbar Gestalt an, obwohl der Park noch nicht so recht vollendet wirkt. Womit wir wieder bei dem alten und seit langem ungenutzten Kiessilo sind. Der wirkt zwar imposant und könnte ein krönendes Schmuckstück des Parks sein, ist aber noch immer mehr oder minder eine Ruine.

Und das stört nicht nur den Gesamteindruck des Parks, sondern ist auch sonst schade, weil es sich gestalterisch umein recht originelles Stück Industriearchitektur handelt. Anderersteits ist, wie gesagt, so etwas im Augenblick schick, und außerdem lässt sich die Gentrifizierung mit ihren Wohltaten in dieser Gegend eigentlich nicht mehr aufhalten. Und in der Tat gibt es seit 2020 konkrete Pläne für eine Neugestaltung und neue Nutzbarmachung des Silos. Sie wurden von einem Team der Architektur-Fakultät der Tschechischen Technischen Universität Prag (České vysoké učení technické v Praze) vorbereitet, und sollen den Silo geradezu zur Dominanten des Parks machen.

Die runden Betonsilos selbst wären Aufstiegsmöglichkeit und Pfeiler für ein Restaurant, das hoch oben über der Landschaft thronte und eine phantastische Aussicht erlaubte. Dazu würde der hölzerne Aufbau innen entsprechend radikal umgebaut, aber in seiner äußeren Form weiterhin in seinen bisherigen Charakteristika erhalten bleiben. Man kann sich schon vorstellen, dass so etwas funktionieren würde. Und obwohl es sich ja um einen doch eigentlich profanen Nutzbau handelt, wären wohl die meisten bewohner und Besucher des Areal froh, den Kiessilo so in neuer Pracht wieder auferstehen zu sehen.

Die Lage auf hohen Betonsockeln wäre dabei nicht nur wegen der Möglichkeit, von oben eine schöne Aussicht zu genießen, äußerst praktisch. Sie würde auch die Sicherheit eines allfälligen Restaurantbetriebs garantieren. Denn wir befinden uns in einem durch Hochwasser gefährdeten Teil Prags. Das Hochwasser von 2002, das Verwüstungen in der Stadt anrichtete, ist noch in schrecklicher Erinnerung. Seither wurden der Hochwassserschutz verbessert und (zum Teil hypermoderne hochfahrbare) Schutzmauern gebaut. Der Silo liegt jedoch außerhalb dieser Mauern.

Aber die Betonkonstuktion des unteren Teils, die übrigens auf einer interessanten Konstruktion von achteckigen Betonplatten auf Stützen ruht, scheint wohl allen Widrigkeiten widerstehen zu können. Der Silo hat also vielleicht eine Zukunft, wenn die Pläne hoffentlich bald realisiert werden, und der Park (für den auch eine Tretbootanlegestelle und ein Picknickplatz geplant ist) wird dadurch mit Sicherheit zu wirklichem Leben erweckt. (DD)

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