Kulturgeschichte in Stein gemeißelt

Als im 19. Jahrhundert in Böhmen das tschechische Nationalbewusstsein erwachte, stand das eigene Kulturerbe seine Pflege (in Abgrenzung zum österreichischen Habsburgertum) ganz im Mittelpunkt des bürgerschaftlichen Engagements. Fast alle der großen nationalen Museen in Prag haben hierin ihren Ursprung. So auch das Lapidarium, die Steinskulptursammlung des Nationalmuseums.

Die erste Idee für eine solche Sammlung kam von dem bisweilen als „Vater der Nation“ bezeichneten Historiker František Palacký (früherer Beitrag u.a. hier und hier), der 1842 ein erstes Konzept vorlegte. Eine kleine Sammlung wurde danach 1847 im Palais Nostitz, dem provisorischen Vorgängerbau des heutigen Nationalmuseums, untergebracht. In letzterem wurde sie nach 1891 untergebracht, aber es war klar, dass die Sammlung eine eigene Unterkunft brauchte. Die fand man im Stadtteil Holešovice. Dort war im Jahre 1891 anlässlich der Prager Jubiläumsausstellung 1891 (Jubilejní zemská výstava) ein großes Ausstellungsgelände entstanden, in dessen Mittelpunkt der berühmte Industriepalast (Průmyslový palác) stand.

Neben dem Industriepalast errichtete der Bauunternehmer Quido Bělský nach den Entwürfen des Architekten Antonín Wiehl (siehe u.a. hier) ein zusätzliches Pavillon im Neorenaissancestil auf, in dem im selben Jahr eine kleine Ausstellung mit einer Selektion der Skulpturensammlung des Nationalmuseums gezeigt wurde. Die Prager Vereinigung der Ingenieure und Architekten (Spolek architektů a inženýrů v Praze) organisierte darob 1898 eine größere Ausstellung, zu der sie sogar einige Gipsabdrücke bedeutender böhmischer Werke der Bildhauerei anfertigten, die heute noch zur Sammlung gehören. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass das wuchtige Gebäude zur Dauerherberge der Sammlung würde.

Das geschah zwischen 1905 und 1908, dem Jahr der Eröffnung als stehendes Museum. Das Gebäude wurde ein wenig vergrößert und umgebaut, die skulpturale Gestaltung der Fassaden durch die Bildhauer Bernard Otto Seeling und František Hergesel wurde besonders im Eingangsbereich von den Bildhauern Gustav Zoula und Antonín Procházka noch pompöser gestaltet. Auch später gab es immer wieder Umbauten. 1930 bis 1932 und 1945 wurden nach und nach die Innenhöfe mit Glass überdacht, um mehr Platz zu schaffen.

Von der Grundidee ist das Museum, allen Vergrößerungen zum Trotz, heute immer noch der Originalausstellung von 1908 verpflichtet. Sie wurde auch nicht zeitlich erweitert. Immer noch macht man einen Rundgang, der chronologisch von der frühmittelalterlichen Romanik bis zum späten 19. Jahrhundert führt. Das 20. und das 21. Jahrhundert sind nicht repräsentiert. Dafür geht die Ausstellung thematisch in die Breite. Nicht nur Statuen, sondern jede Form künstlerischer und handwerklicher Steinmetzarbeit – etwa der romanische Tympanon rechts – werden repräsentiert.

Ein Fokus liegt auf der Zeit der Gotik und Karls IV. im 14.Jahrhundert, jene Zeit, in der Prag erst wirklich zur Kulturmetropole von Weltrang wurde, und die im Nationalbewusstsein der Tschechen einen besonders hohen Stellenwert einnimmt. Das Konterfei des Kaisers (links) ist entsprechend oft zu sehen. Von der Hochgotik geht es weiter zum späten Mittelalter. Wie in allen Abteilungen geht es auch hier nicht nur um „hohe Kunst“, sondern auch um interessante Einblicke ins Alltägliche, wie etwa das im späten 15. Jahrhundert entstandene kuriose Hauszeichen aus Brandýs nad Labem, das wir oben im großen Bild sehen, und das einen Jungen darstellt, der mit einem Hund (ein recht groß geratener Dackel?) spielt. Die Tschechen waren halt immer schon Hundenarren.

Die Renaissance darf auch nicht fehlen. Zu den Highlights im Museum gehört hier der Krocín-Brunnen (Krocínova kašna), einer der schönsten Brunnen Prags überhaupt, der 1591 auf dem Altstädter Ring aufgestellt wurde, aber im 18. Jahrhundert allmählich verfiel und 1862 – trotz seines kulturhistorischen Wertes – abmontiert wurde. Selbst die Fragmente, die jetzt hier im Lapidarium überlebten, sind immer noch beeindruckend. Man sieht es auf dem Bild rechts. Der vom Steinmetz Jindřich Beránek in den Zeiten des kunstsinnigen Kaisers Rudolf II. erbaute Brunnen ist nach dem damaligen Bürgermeister der Altstadt Václav Krocín benannt.

Es folgt der Barock, der nach der endgültigen Machtsicherung der Habsburger in Böhmen durch die Gegenreformation eine besonders hohe Blüte in Prag erreichte. Zu der geradezu atemberaubenden Menge grandioser Kunstwerke dieser Zeit gehört die berühmte Reiterstatue des Heiligen Wenzel vom Wenzelsplatz, und zwar die originale, die 1678 vom Bildhauer Jan Jiří Bendl erschaffen wurde – lange bevor stattdessen 1912 die heute dort stehende Monumentalstatue von Josef Václav Myslbek ihren Platz fand. Neben Wenzel findet man auch hier etliche Originale der Barockstatuen der Karlsbrücke (was man auf der Brücke selbst sieht, sind nämlich gute Kopien).

Ganz von der Politik konnte man die Sammlung nie trennen. Das begann schon mit der Neugestaltung großer Teile der Altstadt, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Lokalpolitik beschlossen wurde. Alte Bausubstanz musste Neubauten weichen. Es galt zu retten, was zu retten war. Viele wertvolle Skulpturen von abgerissenen Häusern füllten nun die Bestände. Einschneidender war das Ende des Habsburgerreichs 1918. Die Erste Republik wollte dessen Denkmalskultur nicht mehr. Das zentral auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) befindliche stolze Denkmal von General und Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz, den man zumindest dem Namens nach wegen des berühmten Radetzky Marsches kennt, wurde nun demontiert und in Lapidarium verfrachtet. Er wurde zu sehr mit dem Kaisertum und der Unterdrückung nach Unabhängigkeit strebender Teile Kakaniens verbunden. In kommunistischen Zeiten (nach 1948) verschwand Radetzky auch hier aus dem Licht der Öffentlichkeit ins Lager, aber seitdem kann man ihn wieder im alten Glanz bewundern. Ja, inzwischen hat sich das Verhältnis zu den alten Zeiten in Tschechien so entspannt, dass ab und an (wenngleich noch ergebnislos) diskutiert wird, ob man ihn nicht doch wieder am Kleinseitner Ring aufstellen sollte.

In den Zeiten des Kommunismus hatte es übrigens nicht nur Radetzky schwer, sondern das ganze Museum. Sonderlich gepflegt wurde es nach einer kleinen Renovierung 1958 nicht. 1967 kam es zu größeren Wasserschäden und das Gebäude wurde geschlossen. 1987 wollte man mit einer großen Sanierung beginnen. Bevor die richtig losging, kam das Ende des Kommunismus im Jahre 1989. Und so wurde der renovierte Bau 1993 feierlich eröffnet. Die Sammlung wurde von den Kunsthistorikern Jiří Fajt und Lubomír Sršeň behutsam so konzipiert, dass sie an die ursprüngliche Dauerausstellung von 1908 anknüpfte, aber doch vorsichtig Neuerungen einführte. Der prachtvolle Rahmen des palastartigen Gebäudes macht den gang durch die Geschichte der Steinmetzkunst in Böhmen vom 11. bis zum 19. Jahrhundert zu einem besonderen Genuss. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s