Wo der rosa Panzer stand, fällt nun die Zeit

Für mich kann er den rosa Panzer nicht vollwertig ersetzen. Aber bemerkenswert ist er schon, der Falltür der Zeit (Propadliště času) genannte Brunnen auf dem Kinský-Platz in Smíchov (Prag 5).

Beginnen wir doch erst einmal mit der Geschichte. Der Brunnen, der von dem prominenten Architekten Jan Lauda gestaltet wurde, befindet sich hier seit dem Oktober 2002. Als der Platz 1894 hier ausgebaut wurde, stellte man den aus einem nahegelegenen Park verpflanzten barocken Bärenbrunnen (Medvědí kašna) auf, der mittlerweile wieder an seinem originalen Standort steht (wir berichteten). Warum verschwanden die Bären? Nun, 1948 gelangten die Kommunisten an die Macht. Die stellten hier ein Denkmal für die sowjetischen Panzertruppen, bei dem ein echter Sowjetpanzer auf einem Steinsockel stand. Die Rote Armee hatte angeblich am 9. Mai 1945 Prag von den Nazis befreit . Das stimmte nicht ganz, weil sich die deutsche Truppen schon am Vortag vor den tschechischen (und nicht-kommunistischen) Truppen des Prager Aufstandes (siehe auch hier, hier und hier) ergeben hatten. Aber das nahm man nicht ganz krumm, weil bei den Kämpfen um Prag schließlich doch viele Sowjetsoldaten ihr Leben verloren hatten und man ihrer durchaus gedenken durfte. Aber nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wurden Sowjetpanzer generell in einem anderen Licht gesehen, nämlich als Instrument kommunistischer Unterdrückung.

Es kam das Ende des Kommunismus von 1989. Das Panzerdenkmal blieb erst einmal stehen. Aus Protest bemalte jedoch 1991 der Künstler David Černý, das anarchische enfant terrible der Prager Kunstszene, über dessen Werke wir schon unter anderem hier, hier, hier und hier berichteten, den Panzer rosa, womit er erst eigentliche Berühmtheit erlangte. Die Stadt bemalte ihn wieder in den Originalfarben und brummten Černý eine Strafe auf, dann malten ihn antikommunististische Abgeordnete (die Immunität genossen) wieder an. Nach einigem Hin und Her – worüber wir berichteten – kam der Panzer in das in das 20 Kilometer entfernte Militär Museum Lešany, wo man ihn heute noch (in rosa!) bewundern kann.

Was blieb, war die Lücke, die der Abriss des Denkmals für die sowjetischen Panzer hinterließ. Und die füllt eben seit der 2002 dieser Brunnen. Der runde Brunnen besteht hauptsächlich aus zwei großen halbrunden, grob behauenen Steinplatten. Sie stammen übrigens aus einem Granit-Steinbruch nahe der nordböhmischen Stadt Liberec . Die Botschaft dahinter ist eine eher versöhnliche: Das zwischen den Steinen hinwegfließende Wasser verschlingt die Taten der Menschen und führt zu sanftem Vergessen. Die Fontäne wird durch 64 Düsen bewirkt.

Nachts wird das Ganze von Lampen (40 Stück) erhellt. Rundum den Brunnen gibt es kleine Fontänen und in der „Schlucht“ zwischen den beiden Steinen schießt ab und an eine 8 Meter Hohe Fontäne hinauf in die Luft. Das macht sich vor der Fassade des dahinter befindlichen Justizpalastes recht beeindruckend. Ganz zum Vergessen führt der Fluss des Wassers nicht. Man kann nämlich am Rande noch Teile der alten Mauereinfassung und Sockel des früheren Sowjet-Panzerdenkmals sehen. Irgendwie muss man – der Schönheit des neuen Brunnens zum Trotz – dann doch wieder an den rosafarbenen Panzer denken, der einfach zu witzig war. (DD)

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