Der polnische Palach

Am 8. September 1968 – heute vor 53 Jahren – feierten die polnischen Kommunisten im damaligen Stadion Dziesięciolecia in Warschau das Erntedankfest. Tage zuvor, am 20. August, hatten Truppen des Warschauer Paktes (auch polnische) begonnen, den Prager Frühling niederzuschlagen. Unter den 100.000 Besuchern im Stadion befand sich auch Ryszard Siwiec. Kaum hatte Parteichef Władysław Gomułka seine Rede gehalten, warf Siwiec Flugblätter gegen das Regime ins Publikum, begoss sich mit Benzin und zündete sich mit dem Ruf „Ich protestiere“ (Protestuję!) an.

Sanitäter und Polizisten stürmten herbei und versuchten, das Feuer zu löschen, doch Siwiec wehrte sich heftig. Schließlich brach er zusammen, man löschte das Feuer und er wurde weggetragen. Im Krankenhaus starb er am 12. September an den Folgen seiner schweren Verbrennungen. Die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts. Die von den Kommunisten kontrollierte Presse schwieg den Vorfall tot. Den Zeugen im Stadion, die die Selbstverbrennung beobachtet hatten, wurde später erzählt, Siwiec sei halt geistesgestört gewesen. Inwieweit sich die Nachricht trotzdem in Untergrundmedien, den Samisdat, verbreitete, lässt sich heute schwer nachverfolgen. Man weiß daher nicht, ob man damals in der Tschechoslowakei von dieser solidarischen Selbstaufopferung erfuhr, insbesondere, ob Siwiecs Tat als Inspiration für die ungleich berühmtere Selbstverbrennung von Jan Palach (wir berichteten u.a. hier) am 16. Januar 1969 diente, die allerdings schnell ihren Weg in die westlichen Medien fand. Von Siwiecs Tod erfuhr die Weltöffentlichkeit in größerem Umfang erst im April 1969 durch Radio Free Europe (über das wir hier berichteten) – also erst nach Palachs Fanal in Prag.

Wer war Ryszard Siwiec? Siwiec kam aus dem heutigen Lviv (Lemberg) in der Ukraine, das vor dem Zweiten Weltkrieg aber noch zu Polen gehörte, und wo er Philosophie studierte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 kämpfte er im Untergrund für die Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa), die der legitimen Exilregierung in London unterstand. Er musste ansehen, wie die Sowjets nach der „Befreiung“ 1945 die Heimatarmee vernichteten, um so die Macht zu ergreifen. Seinen Beruf als Lehrer gab Siwiec, der von den kommunistischen Verbrechen angeekelt war, auf, weil er dort gezwungen worden wäre, Kinder im Sinne des Regimes zu indoktrinieren. Stattdessen schlug er sich als Buchhalter durchs Leben. Nebenbei schrieb und verteilte er (illegal) kleine Handzettel gegen die roten Herrscher, die er mit dem Pseudonym „Jan Polak“ unterzeichnete. Als 1968 der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei den Prager Frühling beendete, fand er, dass jetzt den Worten eine entschiedene Tat folgen müsse. Und so kam es zur Selbstverbrennung im Warschauer Stadion.

Erst nach dem Sturz des Kommunismus wurde Siwiecs Tat die Anerkennung zuteil, die sie verdiente. Schon 1991 machte in Polen und der Tschechoslowakei der preisgekrönte Film Hört meinen Schrei (Usłyszcie mój krzyk) des polnischen Regisseurs Maciej Drygas Furore, der viele Menschen erstmals auf den in Tschechien oft „der polnische Palach“ genannten Siwiec aufmerksam machte. Ehrungen folgten: Im Jahr 2001 verlieh der Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, Ryszard Siwiec posthum den Tomáš-Garrigue-Masaryk-Orden 1. Klasse – die höchste Auszeichnung des Landes. 2003 kam es in Polen zum Eklat, als Präsident Alexander Kwasniewski ihm ebenfalls postum einen hohen Orden verleihen wollte. Die Familie Siwiecs lehnte die Annahme ab, weil Kwasniewski ehemaliger (wenngleich geläuterter) Kommunist war und von der postkommunistischen Partei, der Bund der Demokratischen Linken (Sojusz Lewicy Demokratycznej), als Kandidat aufgestellt worden war. 2006 wurde Siwiec dann noch einmal vom slowakischen Präsidenten Ivan Gašparovič mit dem Orden des Weißen Doppelkreuzes ausgezeichnet.

Seit dem August 2010 gibt es in Prag ganz in der Nähe der Wirtschaftsuniversität (Vysoká škola ekonomická v Praze) ein Denkmal für Siwiec aufgestellt und in Gegenwart von prominenten Persönlichkeiten aus Tschechien und Polen – etwa der tschechische Innenminister Radek John, der Vizepräsident des polnischen Senats Zbigniew Romaszewski und der polnische Botschafter Jan Pastwa – feierlich eingeweiht. Betrieben wurde die Aufstellung vom Institut für das Studium für totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů, ÚSTR), das sich mit der historischen Aufarbeitung nationalsozialistischer und kommunistischer Verbrechen und der Erinenrungs daran befasst, und dessen Büro sich in der Nähe befindet. Schon im Jahr zuvor hatte man die Straße in Žižkov (Prag 3), wo das Denkmal heute steht, nach ihm Siwiecova benannnt. Leider handelt es sich um einen städteplanerisch eher unattraktiven Platz, der dem Andenken vielleicht nicht ganz würdig wird. Trotz der abgelegenen Lage kommen immer wieder Menschen, um eine Kerze zu seinem Gedenken vor dem Stein aufzustellen.

Das Denkmal hat die Form eines Obelisken, der nach oben hin aufgespalten ist. Die rote Namensinschrift für Siwiec deutet an, dass hier Flammen symbolisiert sind, die einen Riss in den monolithischen Stein (steht er für das System?) treiben. Auf den Seiten sind in Polnisch, Tschechisch und Englisch die Lebensdaten, sein Dienst bei der Heimatarmee, seine Selbstverbrennung in Solidarität mit der Tschechoslowakei als größtmögliches Opfer im Dienste der Wahrheit aufgezählt. Erschaffen wurde das Denkmal von dem polnischen Bildhauer Marek Moderau, der in Polen durch etliche Denkmäler zur Erinnerung an totalitäre Gräuel bekannt wurde. Es handelt sich bei dem Denkmal um eine exakte Kopie des Gedenksteins für Siwiec, der heute vor dem Warschauer Nationalstadion (Stadion Narodowy) steht, das hier 2012 anstelle des 2008 wegen Baufälligkeit abgerissenen Stadion Dziesięciolecia, wo Siwiec sich 1968 selbst verbrannt hatte, errichtet wurde. (DD)

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