Besser als die Burg: Die Brauerei Braník

Hier wurde er dereinst in gigantischen Massen gebraut, der gute tschechische Gerstensaft. Heute verfallen Teile des imposanten Gebäudes, andere sind renoviert und harren einer neuen Nutzung oder haben sie bereits gefunden. Nur das alte Wappen der Firma thront noch triumphierend über dem Ganzen, so wie bei der Eröffnung im Jahr 1900.

In diesem Jahr wurde eine Gesellschaft kleiner Brauer gegründet, um gemeinsam eine große Braustätte ins Leben zu rufen. In dieser Zeit fand in Prag in der Bierbranche eine Unternehmens-Konzentration statt, die den unzähligen Kleinbrauern zum Verhängnis zu werden drohte. Durch ihren Zusammenschluss traten sie dieser Entwicklung energisch entgegen. Es wurden 3000 Aktien zu je 200 Kronen ausgegeben, um eine neue Braugesellschaft zu finanzieren. Der Kurs der Aktie stieg schnell an. Als Standort für die neue Brauerei wählten sie den heute etwas heruntergekommenen kleinen Ortsteil Braník im südlichen Teil Prags aus. Zwei Jahre, im Jahre 1900, später war das für damalige Zeiten riesige Brauereigebäude, das nach den Plänen des Architekten und Bauunternehmers Václav Nekvasil (wir begegneten ihm bereits hier) erbaut worden war, fertiggestellt. Die Lage wurde gewählt, weil sich direkt neben der neuen Brauerei schon seit 1882 ein kleiner Bahnhof befand, dessen Kapazität nun von zwei auf vier Gleise erweitert wurde, damit das gute Nass auch schnell zum Kunden geliefert werden konnte. Das trug wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Brauerei als einem der „großen Spieler“ im böhmischen Biergeschäft bei.

Das von Nekvasil entworfene und errichtete Gebäude (in der Údolní 212/1 in Prag 4) war ein Riesenkomplex in einem mit Elementen des Jugendstils angereicherten Neo-Renaissance-Stil, der in einer Rekordzeit von nur 14 Monaten fertiggestellt wurde. Auf der Moldau-zugewandten Seite befand sich ein großes Verwaltungsgebäude (Bild rechts); dahinter – wie auf einer Leine aufgezogen – die Reihe der Fabrikgebäude der Brauerei. Die Frontseite, die in den nächsten Jahrzehnten durch neue Bauten ergänzt wurde, sieht schon grandios aus. Der Schriftsteller und Autor des berühmten Romans vom Guten Soldaten Švejk, Jaroslav Hašek, bemerkte einmal dazu, dass „der Blick auf das Panorama der Brauerei Braník weitaus aufregender … als der Blick auf das Panorama der Burgstadt“ sei. Gut gesagt, und auf jeden Fall sieht man heutzutage zurecht das Brauereigebäude von Braník als ein Industriedenkmal ersten Ranges an (das natürlich seit langem unter Denkmalschutz steht, der 1992 noch einmal auf eine strengere Stufe erhöht wurde).

Und der Blickfang des Komplexes ist zweifellos das große Wappen oder, modern ausgedrückt: Logo, der neuen Brauerei, den man im großen Bild oben sieht. Es ist in Stuck am südlichen Eckturm angebracht. Dort liest man auch die offizielle Bezeichnung der Brauerei: Společenský pivovar pražských sládků (Gesellschaftsbrauerei Prager Braumeister), was aber ein bisschen kompliziert und geschäftsmäßig klingt, weshalb sich bald der Begriff Braník Brauerei (Branický pivovar). Das Stuckwappen an der Fassade ist übrigens ein richtiges Kunstwerk. Kein Geringerer als der damals überaus bekannte Historienmaler Mikoláš Aleš (frühere Beiträge u.a. hier und hier) hatte den Entwurf dazu erstellt. Aleš war mit dem „Inner Circle“ der Brauer gut befreundet und hatte das Design bei einem kleinen Schwatz mit den Brauern eben einmal auf’s Papier gebracht. Er bekam dafür auch nur die rein symbolische Summe von 100 Kronen. Es war eher ein Freundschaftsdienst, aber es war auch gut gelungen und fortan der Stolz der Brauerei. Es zeigt ein gekröntes Wappen mit Brauutensilien, das gerahmt ist von zwei Engeln. Darüber thront der tschechische Nationalheilige Wenzel. Dem Stil der böhmischen Spätgotik (auch Jagellonengotik genannt) nachempfunden, gab es dem überaus modernen Industriebetrieb einen Hauch von tradionalistischem Image, der in Böhmen einfach zur Bierkultur gehörte.

Im Zeichen des Heiligen Wenzel gedieh die Brauerei. Neben dem Hauptbestseller, einem hellen Lagerbier des Pilsener Typs, differenzierte man sich immer mehr aus, etwa durch die Produktion dunkler und heller Biere im bayerischen Stil. Sie überlebte selbst die dunklen Zeiten von 1938 bis 1945 einigermaßen unbeschadedt. Aber dann, im Februar 1948 ergriffen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. Schon im Juli wurde die Brauerei der Inhabergemeinschaft weggenommen und verstaatlicht. Da die Tschechen gerne Bier trinken, ganz gleich, ob der Kommunismus herrscht oder nicht, lief die Produktion weiter. Man konnte sogar die Geschäftspalette erweitern. 1958 hatten nämlich Forscher der Brauerei die gesundheitsfördernde Wirkung des Hefekonzenrats Pangamsäure (in Deutschland meist als Bierhefe verkauft) entdeckt und daraus ein Produkt entwickelt, dass sich heute weltweit in Massen als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Lange Zeit war die Braník Brauerei die einzige Brauerei, die so etwas vertrieb und eine Art Marktführer in Sachen Pangamsäure-Tabletten.

Auch die scheußlichen Dinge im Leben gehen einmal zu Ende. So gottlob auch der Kommunismus im Jahre 1989. Technologisch und in Sachen Marketing hatte die Brauerei in den trüben Zeit arg an wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und es bestand Modernisierungsbedarf. Bis ins Jahr 1995 gingen die Umbauarbeiten, dann hatte man eine wirklich moderne Brauerei gemäß höchsten. Inzwischen hatte die Privatiserung eingesetzt. Der Staat fasste zunächst mehrere Brauereien (neben Braník auch die Großbrauerei Staropramen nebst einigen kleineren Brauereien) zu einer zusammen und privatisierte das Ganze als Aktiengesellschaft Prager Brauereien AG (Pražské pivovary a.s). Die bekannten Biermarken produzierten trotzdem unter dem neuen Dach unter eigenem Namen weiter. Und so wurde weiterhin in Braník das Bier von Braník gebaut – und zwar in Rekorddimensionen. 1.124 Millionen Hektoliter Bier waren es alleine im Jahre 2006. Zudem holte man sich noch von der japanischen Großbrauerei Asahi (die übrigens – man glaubt es nicht! – älter ist als die von Braník) die Lizenz, deren Bier für den hiesigen Markt zu brauen. Das war schön, aber auch zuviel. Die Brauanlagen gaben das nicht mehr her. Und so wurde 2007 die Produktion des Braník-Biers in die Brauerei Staropramen (Pivovary Staropramen), die ihre riesigen Produktionsanlagen im Stadtteil Smíchov hat und die größte Brauerei in Prag und die zweitgrößte in Tschechien ist. Da sich das technisch leicht machen ließ und man sowieso geschäftlich unter einem Dach, nämlich dem der Prager Brauereien AG, war, ließ sich das leicht bewerkstelligen. Innerhalb des Aktienkonzerns behauptet sich Braník-Bier immer noch hervorragend im Mittelklassesegment und gehört zu den meistverkauften Bieren im Lande. Ach ja, die Form der Zusammenfassung mehrer Brauereien mit anschließender Privatisierung als Aktiengesellschaft sollte ursprünglich die Übernahme tschechischen Bieres (das ja Gegenstand besonderen Nationalstolzes ist) durch ausländische Unternehmen verhindern. Das klappte aber langfristig nicht, denn Pražské pivovary wurde 2012 an eine amerikanische Großbrauerei verkauft. Aber das Bier wird immer noch in Tschechien auf tschechische Art produziert, weshalb der Nationalstolz dadurch bisher kaum angekratzt wurde.

Soweit, so gut. Aber da war doch noch das eigentliche, sensationelle und demkmalgeschützte Gebäude der Brauerei, das nun ein wenig nutzlos in der Gegend herumstand. Dem sind alle diese Transaktionen zunächst einmal nicht gut bekommen. Das Gelände wurde 2007 von einem Investor übernommen, der auch mit den nötigen Umbauten für neue Nutzungen begann. Aber das geht sehr langsam voran. Ein Unternehmen des Maschinenbaus residiert im alten Verwaltungsgebäude, das sowie am besten in Schuss war. Einige andere Firmen (viel davon im Bereich Eventmanagement tätig) haben Teile der früheren Produtionsstätten angemietet. Andere Teile harren aber immer noch der Renovierung und sehen von außen zumindest recht bemitleidenswert aus. Man kann nur hoffen, dass eine nutzungs- und fachgerechte Renovierung auch dieser Bauteile bald erfolgt, und dass hier wieder Leben einzieht. Es sind wohl auch Wohnungen in dem Komplex geplant.

Eine gute Nachricht gibt es auf jeden Fall zu vermelden. Solch ein Gebäude sollte ja nicht zu sehr zweckentfremdet werden. Es wurde ja im Dienste des Bieres gebaut. Seit 2016 befindet sich die Mikrobrauerei Moucha (was soviel wie „Fliege“ heißt) auf dem Gelände, die interessante Biersorten biete. Denn der Trend läuft heute in eine andere Richtung als damals im Jahr 1900, als die große Brauerei hier ihre Pforten eröffnete. Exklusives aus kleiner hauseigener Brauerei ist in Sachen Bier wieder en vogue. Das ist gewiss keine schlechte Botschaft aus Braník. (DD)

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