Ein Stück Gartenbaugeschichte

Er ist einer der schönsten Barockgärten Prag, der Černín Garten (Černínská zahrada). Seine Geschichte ist eng verwoben mit der des Palais Czernin (Černínský palác, wir berichteten darüber), dem heutigen Außenministerium, zu dem er gehört.

Palais und Garten sind in gewisser Weise ein Gesamtkunstwerk, nicht zuletzt, weil die Architekten des einen auch den anderen stets mitgestalteten. Schaut man von einem der oberen Stockwerke des (normalerweise für die Öffentlichkeit geschlossenen) Palais auf den Garten hinab, erkennt man die symmetrische und formale Struktur des Barockgartens am besten, den Hermann Jakob Graf Czernin von Chudenitz im Jahre 1683 in Auftrag gab. Ausgeführt wurden die Anlage von Palais und Garten von dem Tessiner Architekten Francesco Caratti und zusätzlich kurz darauf von seinem Landsmann Domenico Rossi.

In einer weiteren Bauphase des Palais kam dann der böhmische Architekt Franz Maxmilián Kaňka zum Zuge, der in den Jahren 1718 bis 1722 den Garten mit einem gegenüber des Palais gelegenen Lustschloss optisch abschloss. Das spätbarocke Gebäude ist heute nur von außen zu besichtigen und dient ab und an als Tagungsraum für das Außenministerium. Der dadurch irgendwie erst vervollständigte Garten wurde allerdings während des Siebenjährigen Krieges 1757 von den Truppen Preußens, die Prag eingeschlossen hatten, durch Artilleriebeschuss arg verwüstet.

Als er danach wieder aufgebaut wurde, waren formale Barockgärten mit Pflanzen in Reih‘ und Glied völlig aus der Mode gekommen. Der Englsiche Landschaftsgarten, der der Natur nachempfunden sein solle, war en vogue. Eine entsprechende Umgestaltung erfuhr der Garten Anfang des 19. Jahrhunderts. Auch sie überlebte nur recht und schlecht die Zeitläufe, denn inzwischen musste die Grafenfamilie Czernin Palais und Garten aus finanziellen Gründen aufgeben und so wurde das Areal von 1851 an das Militär verkauft und somit ein Kasernengelände. Teile des Gartens wurden zerstört und durch militärische Nutzgebäude (Pferdeställe etc.) ersetzt.

Mit dem Beschluss von 1928, den Komplex zum Außenministerium der Tschechoslowakei zu machen, musste eine gründliche Neugestaltung erfolgen. Der Palais wurde, um ihn für seine neue Funktion tauglich zu machen, von dem kubistischen Architekten Pavel Janák umgebaut, der vor allem bei der Wiederherstellung des Garten noch seinen Kollegen Otto Fierlinger hinzuzog. Dabei wurde der Garten sogar noch ein Stück erweitert, was es ermöglichte, den beiden Stilepochen der Gartenbaukunst – dem Barock und dem Landschaftsgarten – gleichermaßen zu ihrem recht zu verhelfen.

Dass der Garten (wie auch der Palais) unter der Kommunistenherrschaft vernachlässigt und den Verfall ausgeliefert wurde, dürfte nicht wirklich überraschen. Und so war es auch…

Im Jahre 1989 endete die kommunistische Barbarei gottlob. Von 1994 bis 1997 wurde nun der Garten von den Architekten Zdeněk Kuna und Jaroslav Zdražil in Zusammenarbeit mit der Garteningenieurin Vítězslava Ondřejová wieder auf Vordermann gebracht. Die heutigen Besucher wissen es ihnen zu danken.

Und so sieht man wieder vor den Seitenfassade des Palais hin zum Lustschlösschen einen authentischen formalen Barockgarten, was historisch und künstlerisch stimmig ist. Dadurch endet die Hauptachse des durch Brunnen in ihrer Symmetrie optisch verstärkten Gartens genau unter der riesigen Herkules-Statue des Barockbildhauers Ignaz Franz Platzer, die sich in einem Torbogen auf dem ersten Stock in der Fassades des Palais befindet. Mit 1,72 Hektar ist der Garten eigentlich nicht riesig dimensioniert, aber dadurch wirkt er schon optisch recht kolossal!

Westlich davon – in dem später hinzugekommenen Areal – befindet sich der Teil, der an den Englischen Garten des 19. Jahrhunderts erinnert. Der beeindruckende alte Baumbestand erweckt ein wenig den Eindruck eines echten kleinen Waldes. Ein wenig wird der Garten so zu einer kleinen Lektion zur Geschichte der Gartenbaukunst. Im Sommer lässt es sich auf den Parkbänken im Englischen Garten schön im kühlen Schatten rasten und ausruhen. Obwohl dem Außenministerium gehörend, ist der gesamte Garten übrigens in den Sommermonaten (Juli-Oktober) kostenlos der Öffentlichkeit zugänglich.

Und noch ein kleines Schmuckstück hat uns das Ende des Kommunismus und der europäischen Teilung des Kalten Krieges erbracht. Am Rande des Englischen Gartens steht ein kleiner Grenzstein aus dem Jahre 1766. Der Markstein (mit einem böhmischen Löwen darauf!) markierte dereinst die böhmisch-bayerische Grenze. Nachdem der Eiserne Vorhang 1989 gefallen war, und die Menschen wieder die Grenzen frei und friedlich überqueren konnten, bekam in der neue Außenminister und frühere Dissident Jiří Dienstbier am 16. Oktober 1990 von deutscher Seite geschenkt. Seitdem steht er hier in Prag – als Symbol grenzüberschreitender Freiheit. (DD)

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