Barocke Schatzkammer

Unter den Baudenkmälern des Barocks in Prag ragt dieses als besonders wuchtig und prachtvoll heraus – was angesichts der der großen Konkurrenz etwas heißt. Die Rede ist vom Loreto in der Burgstadt (Hradčany) am Loretánské náměstí 100/7 (Loretoplatz).

Das Loreto und die dazu gehörige kolossale Wallfahrtskirche wurden in den Jahren 1626 bis 1631 im Auftrag und mit den Spenden der Hochadligen Benigna Katharina Gräfin von Lobkowicz von dem böhmischen Architekten aus italienischer Familie Giovanni Batista Orsi erbaut. Im Jahr der Fertigstellung wurde sie von Kardinal Ernst Adalbert von Harrach, dem damaligen Prager Erzbischof, feierlich eingeweiht. In den Zeiten des Glaubenskrieges – es tobte der Dreissigjährige Krieg zu dieser Zeit – sollte damit auch ein gegenreformatorisches Zeichen gesetzt werden.

Der Name Loreto leitet sich Die Basilika vom Heiligen Haus (Santuario Basilica Pontificia della Santa Casa di Loreto) in der italienischen Stadt Loreto. Der Legende nach soll nach einigen Umwegen hierhin das Haus der Gottesmutter Maria aus Nazareth geflogen sein, als 1291 das Heilige Land wieder von muslimischen Truppen erobert wurde. Um das nun durch ein Wunder nach Italien gelangte Haus würdig zu zelebrieren, wurde eine Wallfahrtskirche drumherum erbaut. Im 14. Jahrhundert begannen Wallfahrten zum diesem Ort, die im 16. Jahrhundert von den Jesuiten so gefördert wurden, dass an vielen Orten Nachbildungen des Heiligen Hauses entstanden, die unzählige Pilger anzogen.

Gräfin Lobkowicz hatte eine derartige Nachbildung der Loreto in der mährischen Stadt Mikulov gesehen und wollte so etwas auch in Prag sehen. Das von ihr gestiftete Gebäude wurde dem Orden der Kapuziner übergeben, der es hegte und pflegte und zu einem populären Wallfahrtsort machte. Der Ansturm (heute sind es sicher mehr Touristen als Pilger) war und ist gerechtfertigt. Der Andrang und das damit verbundene Spendenaufkommen ermöglichten die Erweiterung. In den bereits prachtvollen Kreuzgang (Bild oberhalb links), der um das Mariengebäude führte, wurden von 1710 bis 1717 durch den Architekten Christoph Dientzenhofer etliche prachtvolle Kapellen hinzugefügt.

Im Jahr 1721 baute dann Christoph Dientzenhofer zusammen mit seinem ebenso berühmten Sohn Kilian Ignaz Dientzenhofer die große Westfassade des Wallfahrtsorts auf, die heute dem Besucher von der Straße aus als erstes ins Auge sticht. Sie integrierte den früher erbauetn Glockenturm, dessen 1694 aus 30 Glocken angefertigtes Uhrwerk stündlich die Melodie Tausendmal stets wollen wir dich grüßen, dich, o reinste Mutter Jesu Christ spielt. Die reiche skulpturale Ausstattung der Fassade stammt von dem Hofbildhauer Johann Friedrich Kohl.

Die Kapelle hinter dem Haus wurde wiederum 1734 bis 37 von Johann Georg Eichbauer zu einer veritablen Wallfahrtskirche ausgebaut. Etliche bekannte Künstler der Zeit wirkten bei der Innengestaltung mit – vor allem der Bildhauer Matthias Schönherr, der unter anderem den Haputaltar und die überbordend ausgeschmückte Kanzel schuf. Das Altarbild zeigt die Anbetung des Jesuskindes in Nachempfindung eines Frührenaissancegemäldes des italienischen Malers Filippo Lippi. Die ganz dem Prunk der Gegenreformation verpflichtete Wallfahrtskirche wäre schon ohne den restlichen Loreto-Komplex einen eigenen Besuch wert.

Zurück zum eigentlichen Kern, dem Heiligen Haus. Das folgt ganz eng dem „Original“ in Loreto. Dort wurde das bescheidene Domizil der Maria, das seine Flugreise hinter sich hatte, in den Zeiten der Renaissance durch den Architekten Donato Bramante völlig um- und überbaut. man sieht keine Bescheidenheit, sondern dekorative Skulturen und architektonische Elemente im Stil der Hochrenaissance. Eine Überprüfung, ob darunter tatsächlich ein antikes Gebäude aus der Zeit Mariens steckt, ist nicht mehr so einfach möglich… Wie dem auch sei, das Prager Loreto folgt dem Renaissance-Vorbild in Italien recht detailgetreu. Überall befinden sich auf den Fassaden Darstellungen aus dem Leben der Maria (hier die Anbetung durch die Hirten) und einige Szenen aus Heiligenviten.

Und innen ist es ähnlich. Hier darf eine Nachahmung der in der Original-Loreto befindlichen Schwarzen Madonna nicht fehlen. In der Originalkapelle in Italien befand sich zunächst eine Ikone mit dem wahren Anlitz der Maria. Aber die verwitterte durch den rauch von Kerzen und Lampen immer mehr, sodass sie im späten 16. Jahrhundert durch eine Holzstatue ersetzt wurde. Und in dieser – ja eigentlich nicht-original Form – sehen wir sie als Kopie im Prager Loreto.

Zu beiden Seiten des Heiligen Hause befinden sich im Innenhof noch zwei bemerkenswerte Brunnen. Geschaffen wurden sie von dem Bildhauer Johann Michael Brüderle in den Jahren 1739 bis 1740. Nach dem Tod des Bildhauers im Jahre 1740, setzte sein Kollege Richard Prachner die Umsetzung des Entwurf fort. Einer der Brunnen zeigt – thematisch passend! – eine Darstellung Mariä Himmelfahrt. Der zweite Brunnen präsentiert die Auferstehung Christi. Die Verwendung des Sargs , dem Christus gerade entstiegen ist, als Brunnen ist eine künstlerisch geniale Idee…

Neben dem Marienhaus und der sie umgebenden architektur sind auch noch zwei Ausstellungen oder Museen bemerkenswert, die sich im ersten Stock befinden. Das eine ist die Schatzkammer. Die Wallfahrtsstätte hat in ihrer Blütezeit von reichen Pilgern, die damit Buße tun wollten, unzählige Schätze erhalten. Die Sammlung goldener und silberner Sakralgegenstände ist enorm und ihre Besichtigung nimmt schon eine gewisse Zeit in Anspruch. Aber zumindest einen muss man gesehen haben – nämlich die berühmte Prager Sonne. Dabei handelt es sich um eine 1699 angefertige große Monstranz, die aus massivem Gold (mit kleinen Silberornamenten) besteht. Ganze 6.222 Diamanten wurden darin verarbeitet – wahrhaft rekordverdächtig!

Und dann ist da noch eine Sensation, die man erst 2011 entdeckte, und die erst seit 2012 eine eigene Ausstellung eingerichtet bekam. Der Fund der alten Krypta unter der Kirche kam überraschend. Noch überraschender war, dass sie künstlerisch äußerst wertvolle Wandmalereien enthielt, die die ganze Gruft der Kapuziner umrahmten. Die 1664 entstandenen Bidler, deren Maler unbekannt blieb (möglicherweise ein Mönch), erinnern an Totentanzdarstellung und Gemälde über die Sterblichkeit der Menschen aus der Zeit des flämischen und niederländischen Barocks (etwa bei Rembrandt).

Leider wären die Bilder gefährdet, wenn man viele Besucher in die Krypta ließe. Sie bleibt für die Öffentlichkeit geschlossen. Man hat sich damit geholfen, dass nun originalgroße Kopien der düsteren Bilder auf Wandtafeln in einem Raum im ersten Stock so aufgestellt wurden, dass es der Gruft nachempfunden wirkt. Das ist gruselig und beeindruckend zugleich und somit ein besonderes Highlight des des an Highlights so reichen Loreto-Komplexes, der so viele Wunder beinhaltet, dass ein Besuch mit Sicherheit nicht ausreicht, um das ganze umfassend würdigen zu können. (DD)

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