Das große Rathaus auf der Kleinseite

Prag hat vier alte Rathäuser. Das hier ist das Kleinseitner Rathaus, das im Tschechischen Malostranská Beseda genannt wird. Das „Beseda“ bedeutet soviel wie Gespräch, Plauderei oder gemütliches Beisammensein und wird in Tschechien häufig im Zusammenhang mit Rathäusern verwendet. Idealerweise soll ja der Rat auch der Platz sein, wo man die Angelegenheiten der Stadt friedlich miteinander im Gespräch regelt.

Warum es vier Rathäuser im alten Prag gibt, wurde bereits andernorts gesagt. Prag im eigentlichen Sinne entstand erst durch die Zusammenlegung von der zuvor eigenständigen Städte Altstadt (Staré Město), Kleinseite (Malá strana), Neustadt (Nové Město) und Hradčany (Burgstadt) im Jahre 1784. Die Kleinseite, die auf dem westlichen Moldauufer liegt, wurde von König Ottokar II., Přemysl im Jahre 1257. Da brauchte man natürlich ein Rathaus. Der Rat tagte zunächst in der heutigen Nikolauskirche. 1407 baute man ein neues Rathaus mitten auf dem Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí), das aber bereits 1420 im Zuge der Hussitenkriege restlos zerstört wurde. Ein Gebäude, diesmal am heutigen Malostranské náměstí. 271/2, wurde in der Folge erworben und bis 1478 genutzt (Bild oberhalb links, das allerdings das Gebäude im heutigen Zustand mit einer Fassade aus dem 19. Jahrhundert zeigt).

In diesem Jahr wurde ein neues Rathaus errichtet und zwar am Malostranské náměstí 35/21, wo noch immer die Malostranská beseda steht. Sie sieht heute natürlich anders aus als damals. Der ursprüngliche Bau war im gotischen Stil erbaut worden. In diesem Bau wurde immerhin ein Stück großer Geschichte geschrieben, als am 14. Mai 1575 sich hier protestantische und utraquistische (moderat hussitische) Ständemitglieder und Stadtvertreter versammelten und dem Habsburger Rudolf II. erfolgreich drohten, ihn nicht zum böhmischen König zu wählen, wenn er nicht religiöse Toleranz gewähre. Die Confessio Bohemica (Böhmische Konfession) wurde die Grundlage der Religionsfreiheit in Böhmen bis zum Dreissigjährigen Krieg. Am heutigen Gebäude erinnert eine Gedenktafel aus dem Jahr 1931 daran.

Erst in den Jahren 1617 bis 1622 wurde im Zuge eines Totalumbaus das gotische Rathaus durch das heute sichtbare Rathaus im Spätrenaissancestil ersetzt, für dessen Pläne sich der österreichisch-italienische Architekt Giovanni Maria Philippi verantwortwortlich zeitigte. Es war damals eines der größeren Rathäuser – größer jedenfalls als das des Burgbezirks, das wir bereist hier vorstellten. Als gegen Ende des Dreissigjährigen Krieges 1648 die Schweden die Kleinseite besetzten, wurde das Rathaus arg verwüstet. Um 1660 wurde es von einem Bürger namens Wilhelm Oppenrieder leicht barockisiert wieder aufgebaut. In dieser Zeit wurde das Wappen der Kleinseite über dem Eingang angebracht – ein Zeugnis des Barocks, einfasst in einer hübschen Kartusche.

Mit der Zusammenlegung der vier Städte 1784 verlor das Gebäude seine Funktion als Rathaus. Hintereinander diente es nun als Finanzamt, Archiv und Gefängnis. Jedes Mal wurde das Bebäude ein wenig angepasst und verlor dabei ein wenig von seinem ursprünglichen Charakter. 1820 kam es arg, als der Architekt Josef Kaur es an den klassizistischen Zeitgeist anpasste und die drei Türme mit ihren charakteristischen Kuppeln entfernen ließ, von denen der mittlere besonders hoch hinaufragte. Das ließ das Ganze etwas optisch verstümmelt zurück. Immerhin führte man es 1868 der Bestimmung zu, die es heute noch innehat, und die irgendwie auch angemessener ist als die Verwendung als Gefängnis. Seither ist das Haus eine Art Kulturzentrum, damals Vereinshaus genannt.

Und Kulturzentrum blieb es bis heute. Vor allem in den Zeiten des Kommunismus etablierte sich hier eine widerständige Kleintheaterszene. Berühmt wurde vor allem das 1967 gegründete Divadlo Járy Cimrmana (Jára-Cimrman-Theater), das allerdings 1992 in den Stadtteil Žižkov umzog. Es widmete sich dem Leben des bedeutendsten Tschechen überhaupt, Jára Cimrman. Der war Schriftsteller, Polarforscher, Wissenschafter, Dramatiker, also das Universalgenie schlechthin. Zu Lebzeiten unbekannt (er verschwand irgendwie um 1914), wurden seine Werke und Errungenschaften ab 1966 erst in Radiosendungen, dann im Theater präsentiert – etwa, dass er die moderne Gynäkologie in den Hochalpen entwickelt habe, oder dass er beinahe als erster Mensch den Nordpol erreicht hätte, wenn ihn nicht sieben Meter vor dem Ziel wilde Eskimos verfolgt hätten. Es gibt immer noch Menschen, die seine historische Existenz bezweifeln. Seine Fans, die in die Theatervorführungen gehen, ficht derartiger zweifel nicht an. Für sie ist er der archetypische Tscheche, der in Zeiten der Unfreiheit sein Genie trotz aller Widrigkeiten zu entfalten trachtet. In der Malostranská beseda gibt es in einem der oberen Stockwerke eine Ausstellung über ihn nebst einer Gedenktafel zur Gründung des legendären Theaters (Bild oberhalb links).

Zwischen 2006 und 2010 unterzog man das Gebäude einer gründlichen Renovierung. In deren Verlauf machte man die Verschandelungen von 1820 rückgängig. Die drei Türme wurden von dem Architekten und Restaurator Vít Mlázovský rekonstruiert, was eine schwierige Aufgabe war, da Originalpläne fehlten und sich die technische Seite des Kuppelbaus als sehr komplex erwies. Das Resultat kann sich sehen lassen. Im Kern sieht man zumindest außen wieder den Zustand, den es bei seiner Umgestaltung im frühen 17. Jahrhundert hatte – ganz im Stil der Renaaissance, wie man auch an den Karyatiden-Pilastern und anderen Elementen der Fassadengesaltung sehen kann.

Drinnen sieht man nur noch wenig, was an Renaissance erinnert, aber insbesondere der Dachboden unter den Türmen, der von großen Holzverstrebungen getragen ist, beeindruckt. Man kann sogar in den mittleren der Türme steigen und eine fabelhafte Aussicht auf die Burg genießen. Der Dachboden wird für Empfänge und Austellungen genutzt. Hier sieht man ein Bild aus einer Ausstellung im August/September 2017 über tschechische Ilustratoren der Werke von Karl May! Der Autor ist immer noch sehr beliebt bei den Tschechen und es gab unzählige großartige Illustratoren von Weltrang, wie etwa Zdeněk Burian

Wie dem auch sei, die Malostranská beseda lebt immer noch als Ort der Kultur. Wer von soviel Kultur erschöpft ist oder seinen Kulturbegriff weiter fasst, der kann im Erdgeschoss bzw. auch im Keller die sehr gemütliche Biergaststätte Malostranská beseda besuchen, wo es (leider kein selbstgebrautes, sondern urquelliges Industriebräu) Bier und recht guten mährischen Wein zu guter deftiger böhmischer Küche gibt. Das sollte man vielleicht außerhalb der härtesten Feriensaison tun, da sich in diesem Teil Prags die Touristen in Massen tummeln. Ob sie immer um die Bedeutung dieses Gebäudes wissen? (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s