Das kleine Rathaus bei der Burg

Prag gibt es im eigentlichen Sinne erst seit 1784. Damals wurden vier eigenständige Städte zu einer Königlichen Hauptstadt Prag zusammengelegt. Altstadt (Staré Město), Kleinseite (Malá strana), Neustadt (Nové Město) und Hradčany (Burgstadt oder Burgbezirk). Und jede von ihnen hatte zuvor ein eigenes Rathaus.

Hier sehen wir das kleinste von ihnen, das Rathaus des Burgbezirks (Hradčanská radnice) in der idyllischen Loretánská ulice 173/1, wo man es inmitten der Unzahl prachtvoller Häuser und Paläste glatt übersehen könnte.

Nun ja, der Burgbezirk mag, so sagen manche Archäologen, der älteste besiedelte Raum hier gewesen sein, aber zu einer Stadt in einem rechtlichen Sinne wurde er erst spät und das irgendwie auch nicht so richtig.. Nur die von Kaiser Karl IV. ab 1348 angelegte Neustadt war, wie der Name besagt, neuer unter den vier Originalbestandteilen des späteren Prags.

Während die Burg selbst schon im 9. Jahrhundert besiedeltes Gebiet war, entstand die darum liegende städtisch anmutende Ansiedlung wohl erst um 1320 als Gründung des damaligen Burggrafen Hynek Berka z Dubé, der hier aber keine Bürgerstadt, sondern letztlich eine feudale Leibeigenensiedlung schuf. Das änderte sich erst im Jahre 1598. Kaiser Rudolf II., der gegenüber den Feudalherren, worunter auch Burggrafen fielen, einen eher absolutistisch motivierten Kurs fuhr. Er ernannte den Hradčany zur eigenständigen königlichen Stadt. Das war zwar nicht der Status einer freien Bürgerstadt mit voller Selbsverwaltung, war aber definitiv ein Up-grading.

Jedenfalls gab es soviel Selbstverwaltung, dass ein Rathaus her musste. Man nahm ein bestehendes Renaissancegebäude, dessen Existenz schon 1498 erwähnt wird, und Teil der von Karl IV. in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erbauten Befestigungmauer des Bezirks war. Um es noch besser dem lokalgouvernmentalen Zweck anzupassen, baute man es aber gegen Ende des 16. Jahrhunderts noch einmal um- jetzt im Spätrenaissancestil. Die neue feine Adresse passte zu dem sozialen Wandel, den der Burgbezirk inzwischen durchgemacht hatte. Große teile der alten Leibeigenensiedlung verschwanden mit dem Feuer von 1541. Nun wurden hier plötzlich Paläste großer Adelsfamilien gebaut, die die Nähe des Königshofs für ihre Zwecke suchten, etwa das Palais Sternberg (Šternberský palác) oder der Palais Schwarzenberg.

Und so sehen wir hier an dem Rathaus nun eine recht ansehnliche Renaissance-Fassade mit feinen Sgrafitti, was ein typisches Merkmal der böhmischen Renaissance ist. Das Gebäude trägt noch alle Insignien eines Rathauses. Auf dem Schlussstein des Eingangsportals befindet sich noch das Wappen der Burgstadt mit seinem charakteristischen Burgturm Deutlich größer und darüber (unterhalt eines Fensters im zweiten Stock) werden jedoch die Grenzen der Selbstverwaltung deutlich. Der Burgbezirk war ja direkt dem König unterstellt, weshalb dort das gemalte Wappen mit dem Habsburger Doppeladler aus der Zeit Rudolfs prangt, wie man im großen Bild oben sieht.

Aber weshalb bedarf es überhaupt der Weisheit einer Stadtregierung – ganz gleich, ob königlich oder nicht. Man will, dass die Gerechtigkeit im Gemeinwesen walte. Damit die Verwalter daran erinnert werden, wurde noch auf Höhe des ersten Stocks eine Allegorie der Justitia mit ihren bekannten Attributen Schwert und Waage aufgemalt. Da man damals Gerechtigkeit immer als göttliche Gerechtigkeit sah, gab es zur Gemahnung drinnen dereinst auch eine Kapelle unterhalb der Ratszimmer. Mit der Zusammenlegung der vier Stadtteile 1784 unter Kaiser Joseph II. wurde das Rathaus als Rathaus allerdings obsolet. Seither ist es ein normales Wohnhaus. Gottlob hat man aber die einem Rathaus gemäße Fassade darob nicht verändert. (DD)

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