Gespenstische Kapelle

Gespenstisch! Es gibt Orte, da möchte man nicht alleine nächtigen. Man glaubt ja eigentlich nicht an Geister. Aber möglicherweise könnte es dort doch spuken. Keine Frage, selbst tagsüber lässt einem der Blick in das Innere der Kapelle Unserer Lieben Frau Maria von Altöttingen (Kaple Panny Marie Altöttinské) in Břevnov leichten Schauer den Rücken hinunterlaufen. Selbst, wer nicht an Geister glaubt, wird sich ob des deplorablen Zustand des historisch bedeutsamen Gebäudes eines leichten Grauens nicht erwehren können.

Dabei hatte es so gut begonnen. Maria Eusebia von Sternberg hatte das Land, auf dem die Kapelle errichtet werden sollte, 1649 gekauft. Bernard Borsita von Martinitz, ihr Sohn aus der Ehe mit Jaroslav Borsita von Martinitz ließ die Kapelle dann 1665/66 erbauen, um sie kurz darauf dem Theatinerorden zu schenken. Der Bau orientierte sich klar an dem Vorbild der Gnadenkapelle von Altötting, die auch andernorts als Modell für Wallfahrtskapellen diente, etwa in Linz. Das erklärt, warum die Form der Kirche eher einer mittelalterlichen Kirche ähnelt, denn einer barocken. Der Kern der Kapelle in Altötting war nämlich eine karolingische Rotunde aus dem 9. Jahrhundert. Und genau die so aussehende Struktur ist von der Prager Kapelle heute noch übriggeblieben. Wie in allen dem Altöttinger Modell folgenden Kapellen, befand sich auch hier eine Kopie des dortigen Gnadenbilds der Schwarzen Madonna.

Die Theatiner betrieben die Kapelle als Wallfahrtsort der gehobenen Art. 1672 besuchte Kaiser Leopold I. den Ort, 1680 Kaiserin Eleonore und 1682 der bayerische Kurfürst Maximilian II. Emanuel. 1783 kam das abrupte Ende der Erfolgsgeschichte als durch die Kirchenreformen Kaiser Josephs II. die Enteignung des naheliegenden Theatinerkloster erfolgte, zu dem die Kapelle gehörte. Es folgten etliche weltliche Besitzer, die die Kirche kaum nutzten, bis schließlich Pauline Julie Gräfin von Kaunitz (geb. Gräfin Buquoy) Grund und Gebäude im Jahre 1815 erwarb. Das sollte sich für die Kapelle keineswegs positiv auswirken, denn die Gräfin ließ 1822 die Glocken einschmelzen, die Wertsachen zu anderen gräflichen Besitzungen transportieren und das Schiff abreißen, sodass nur der heute sichtbare Solitär des Turmes mit seiner Krypta, die es übrigens im Altöttinger Original nicht gibt, übrigblieb. Ein Eingreifen der Behörden verhinderte den kompletten Abriss.

Jetzt sah das Ganze nicht mehr so recht toll aus, weshalb die Gräfin 1832 beschloss, das Anwesen und die Kapelle zu verkaufen. Es gab mehrere Besitzerwechsel, während derer die Kapelle immer weier verfiel. Es gab aber auch erste Bestrebungen zur Rettung als Kulturdenkmal, ausgelöst durch die Popularität der Würdigung des Bauwerks durch den bekannten Kulturhistoriker Bernhard Grueber in seinem Werk Kunst des Mittelalters in Böhmen (1871). 1906 investierte die Stadt Prag tatsächlich ein wenig Geld für Reparaturen. Da der private Besitzer aber kein Nutzungsinteresse hatte, erwies sich das aber nicht als sonderlich nachhaltig. Der Verfall ging weiter.

1912 versuchte der Besitzer die Kapelle an den Orden der Unbeschuhten Karmeliter zu verkaufen, wo sie wohl in guten Händen gewesen wäre. Der Kauf kam am Ende genauso wenig zu Stande wie die geplante Veräußerung an die Tschechoslowakische Hussitische Kirche. Währenddessen wurde die Kirche wiederholt Opfer von Vandalismus. Insbesondere wurde das schöne neoromanische Portal mit seinen hübschen Kapitellen zerstört und immerhin dann doch kostspielig restauriert – heute wohl der schönste Teil des Gebäudes.

Innen sieht es nicht besser aus. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts befanden sich in den Nischen des Innenraums wertvolle Engelsstatuen, die seither verschwunden sind. Über dem Altar hat ein Sprayer, der hier eindrang, vor kurzem einen Engel mit schwarzen Flügeln – wohl ein satanistisches Symbol – aufgesprayt. Solche Barbareien waren möglich, weil die Kapelle über etliche Jahre nicht einmal zugeschlossen war und zum Teil Obdachlosen als Asyl galt. Immerhin wurde daran dann doch vor einiger Zeit etwas geändert und im Portal ein schweres und massives Stahlgitter eingebaut, das den Blick nach Innen hinein erlaubt, aber keinesfalls mehr ein Eindringen in das Gebäude.

Das war eine Folge des Untersuchungsberichts, den 1990 eine denkmalpflegerische Kommission der Stadt Prag veröffentlichte. Der entwarf ein unschönes Bild über den bemitleidenswerten Zustand der Kapelle – insbesondere der völlig vermüllten Krypta, die gottlob mittlerweile auch vergittert, wenngleich nicht gegen Wasser und Wetter gesichert ist. Immerhin fand man heraus, dass durch eine frühere Reparatur des Daches die Statik des Bauwerks noch recht gut intakt geblieben sei. Eine Restaurierung sei also prinzipiell möglich und sinnvoll, wenngleich gewiss nicht billig, so das Fazit. Aber wer soll das bezahlen, lautet die Frage…

2008 hat ein Bauinvestor das ganze Anwesen, bei dem es sich um attraktives Bauland hat, erworben. Er soll, so heißt es, vom Rathaus die Renovierung der Kapelle zur Bedingung für den Kauf bekommen haben. Es gibt Investoren, die ihre Versprechen halten, aber auch Beispiele für das Gegenteil – wie etwa hier. Immerhin wurde 2010 eine groß angelegte archäologische Untersuchung für das gesamte Gelände lanciert, die auch eventuell zu findende Teile des von der Gräfin Kaunitz abgerissenen Hauptschiffs der Kapelle betrafen. Dass solch eine Untersuchung getätigt wurde, stimmt optimistisch. Aber man weiß ja nie… Die Bauarbeiten auf dem Gelände beginnen wohl in Kürze. Bleibt zu hoffen, dass dies für die geschundene Kapelle den Beginn besserer Zeiten bedeutet. (DD)

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