Gezähmter Wolf

Ganz brav wie ein dressierter Haushund sitzt er vor dem Heiligen. Aber was man hier in Stein gemeißelt auf einer Grünanlage in Prag-Břevnov sitzen sieht, ist in Wirklichkeit eine wilde Bestie, die schon viele Menschen getötet hat. Bei der Skulptur handelt es sich nämlich um um eine Darstellung der Heiligenlegende um den Heiligen Franziskus von Assisi und den Wolf von Gubbio, die uns durch die Fioretti di San Francesco (Blümchen des Hl. Franziskus), einer im 14. Jahrhundert verfassten anonymen Sammlung von Anekdoten über den Heiligen, überliefert ist.

Dieser Legende zu Folge soll der Wolf vor den Toren der umbrischen Stadt Gubbio gewütet haben. Er tötete zuerst Vieh, dann auch Menschen, wo immer er sie traf. Die Bürger erstarrten vor Angst, schlossen sich ein und gingen nie unbewaffnet außer Haus. Aber mit Gewalt schien der Wolf unbesiegbar. Erst als der Heilige Franziskus (zum Erstaunen der verängstigten Menschen) unbewaffnet hinausging und dem angreifenden Wolf das Kreuz entgegenhielt, hielt auch der Wolf plötzlich inne. Er hörte einer frommen Zurechtweisung des Heiligen zu. Der war ja so etwas wie der Dr. Doolittle unter den Heiligen und konnte mit den Tieren reden.

Franziskus löste die Angelegenheit durch einen Appell an das Gute im Wolf und an das Vergeben bei den Bürgern. Der Wolf sollte versprechen, dass er ab sofort friedlich und hilfbereit sein möge. Die Bürger Gubbios sollten wiederum vergeben und sich nicht in Rache ergehen. Sie sollten vielmehr dem Wolf ein wenig von ihren Speisen abgeben, damit er nicht verhungerte. An diesen Vorschlag des Heiligen hielten sich fortan Wolf und Bürger. Und ab sofort waren alle zufrieden und der Wolf starb erst im hohen Alter friedlich und war zu dieser Zeit bei den Bürgern hochgeschätzt.

Der aus Brno in Mähren stammende Bildhauer Vladimír Matoušek hat die in weißem Stein gemeißelte Skulptur im Jahre 2006 fertiggestellt. Der Wolf sitzt hier hier in aufmerksamer Zuhörposition, während der Heilige in vertrauenserweckender Pose leicht vorgebeugt auf ihn einredet. Der Heilige ist, wie es ja zur Überlieferung passt, als bescheidener Mensch dargestellt. Kein Heiligenschein oder ein sonstiges Pracht andeutendes Attribut wurde ihm beigefügt. Sein Heiligenstatus und seine Frömmigkeit werden nur durch einen aus der Kutte geradezu lässig heraushängenden Rosenkranz verdeutlicht.

Dass er Heilige Franziskus mit dem Wolf gerade hier an diesem Ort steht, ist natürlich kein Zufall. Die Skulptur befindet sich inmitten einer schön bewaldeten Grünanlage vor dem klassizistischen Gebäude der Schwesternschule des Franziskanerorden in Tschechien – im Stadtteil Břevnov (Prag 6), nicht weit entfernt vom dortigen Kloster (wir berichteten hier). Ein öffentlicher Spazierweg führt durch die Anlage. Und für das fromme pädagogische Anliegen der Schule ist die Geschichte des Wolfs von Gubbio und diese sehr anmutige Skulptur sicher eine gute Werbung. (DD)

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