Familienbrauerei zwischen Industrieruinen

Ein Geheimtipp für Freunde guten Bieres: Beroun ist als Ausgangspunkt für überaus schöne Tagestouren durch das idyllische Tal der Berounka (Tipps brachten wir hier und hier) bei Ausflüglern aus dem nahen Prag zwar beliebt, aber ansonsten eine Industriestadt. Man muss Kenner sein, um an einer der unschönsten Ecken des Ortes, inmitten verfallender Fabrikhallen und einem Schrottplatz, in dem sich sogar abgewracktes Kriegsmaterial aus der Zeit des Warschauer Pakts befindet, eine richtig sensationelle und äußerst ungewöhnliche Biergaststätte zu finden: Die Rodinný pivovar Berounský medvěd (Familienbrauerei Berauner Bär).

Hat man sich nach rund drei Minuten Fußmarsch vom etwas gesichtlos modern gestalteten Bahnhof der Stadt durch die Öde des heruntergekommenen Fabrikareals in den Innenhof des Schrotthandels in der U Cukrovaru 135 gekämpft, steht man plötzlich davor. Wie ein properes und zünftiges Landgasthasthaus sieht es aus, wenn man sich die Umgebung wegdenkt. Und auch die bekommt nun irgendwie einen pittoresken und auch surreal inspirierenden Charakter, wenn man sie wiederum im Kontext der Brauereigaststätte sieht. Kurz: Der Weg lohnt sich. Was viel, aber nicht nur etwas mit den (mindestens) sieben Sorten Bier zu tun hat, die man hier frisch gezapft und gebraut genießen kann.

Zur Geschichte: Dokumentiert ist das Bierbrauen in Beroun (das es dort aber wohl schon vorher gab) seit dem Jahr 1295, als der böhmische König Wenzel II. Beroun der Stadt nicht nur königliche Stadtrechte verlieh, sonder -wichtiger noch! – den Bürgern das Recht zum Brauen und Mälzen. Das ließen sich die Bürger – gute Tschechen allesamt! – nicht zweimal sagen. Im 15. Jahrundert gab es alleine drei städtische Brauereien, von denen sich eine im Rathaus befand, damit die Ratsherren sich beim mühsamen Regieren der Stadt schnell erfrischen konnten. Daneben gab es viele nebenberufliche Brauereien in Bürgerhäusern, die meist von Frauen betrieben wurden. Im frühen 17. Jahrhundert beendete die Stadtregierung die Freiheit der Hausbrauereien und führte eine Stadtbrauerei mit einem hauptberuflichen Brauer ein. Sämtliche Gerätschaften und Vorräte dieses Betriebes wurden 1648 (dem letzten Jahr des Dreissigjährigen Krieges) von den einfallenden Schweden weggeschleppt und eine zeitlang war die Stadt nicht nur grausam „trockengelegt“, sondern auch pleite, da die Biersteuer auf gebrautes Bier ausblieb. Aber das renkte sich nach dem Frieden bald wieder ein. Jedenfalls war man in Beroun immer auf die eigene Brautrdition stolz, weshalb auch heute in der Familienbrauerei das Stadtwappen prangt.

Der nächste Schritt vorwärts kam 1871, als auf Initiative des Rates eine große Brau-Aktiengesellschaft geschaffen wurde, die im Jahr darauf in Betrieb ging. Das Zeitalter der Großbrauereien war angebrochen. Die Brauerei in Beroun war ein guter Regional-Champion. Allerdings in dieser Form nur bis zur Machtergreifung der Kommunisten im Jahre 1948, die die Aktienbrauerei umgehend verstaatlichten. Verdursten musste man in der Stadt nicht, denn es wurde zunächst einmal irgendwie sozialistisch weitergebraut. Aber nur bis 1978. Im Zuge der planwirtschaftlichen Zentralisierung wurden immer mehr lokale Braustätten geschlossen. Die in Beroun wurde zu einer Abfüllanlage für urquelliges Industriebier umfunktioniert. Nach dem Ende des Kommunismus ergab auch das keinen Sinn und im Jahr 1997 wurden die letzten Mitarbeiter entlassen. Das alte Brauereigebäude wich Wohnblöcken. War das das Ende? Nein!

Auftritt Hana Mayerová und ihr Mann Václav! Die beiden kauften das Areal einer alten Zuckerfabrik, das verfiel und Schrottplatz geworden war, und fingen an. Eine neue, wiederauferstandene Lokalbrauerei musste her! Professionelle Brauer waren beide nicht, aber gerade das eröffnete Möglichkeiten, wie Václav Mayer etliche Jahre später feststellte: “ Wir waren damals ein Unternehmen mit einem Haufen erfahrener Handwerker und handelten mit ‚Schrott‘. Dank dessen gelangten wir zu ausrangierten Geräten aus verschiedenen Lebensmittelbetrieben. Wir haben daraus die Brautechnik ein bisschen komponiert nach dem Motto, dass ein Laie alles kann, denn im Gegensatz zu einem Experten weiß er nicht im Voraus, dass es nicht geht.“ Und siehe da: Es ging! Einige der alten Braukessel sieht man sogar draußen am Wegesrand, wenn man noch zwischen den Industrieruinen die Brauerei sucht.

Es geradezu selbstgebastelte Ansatz führte zu einer irgendwie gleichzeit innovativen und traditionellen Braukunst. Man legte zusätzlich sogar eine eigene Mälzerei im nahen Dorf Suchomasty an. Und das Brauen in der Brauerei (die auf Wunsch besichtigt werden kann) erfolgt auf technisch einfachem und daher grundsolide bodenständigem Niveau. Der Sud wird zum Beispiel nicht computergesteuert elektronisch erhitzt, sondern wie früher mit einem Kaminofen. „Der größte technische Komfort in unserem Betrieb ist ein Sensor, der die Temperatur in der Brauerei misst und dem Brauer auf einer Messuhr anzeigt. Dadurch muss er nicht ständig mit einem Handthermometer herumlaufen“, erklärt Václav Maier. Aber genug zu Technik: Am Ende ist es ja die Qualität des Bieres selbst, die zählt.

Sieben Sorten Bier aus eigener herstellung gab es hier gezapft als wir hierher kamen. So zum Beispiel das herrlich herb-samtige Berounský medvěd – polotmavý speciál (Berauner Bär Spezial Halbdunkel), das man auf dem großen Bild oben vor dem wunderschön aus holzgeschnitzten Bären-Logo an der Wand der Bierhalle der Brauerei sehen kann. Oder das etwas hopfigere Berounský medvěd – tmavý speciál (Berauner Bär Spezial-Dunkel) oder das Berounský medvěd – Zlatý kůň (Berauner Bär – Goldenes Pferd), ein sehr leichtes Helles mit mildem Geschmack und nicht überhopft. Man sieht sie beide im Bild links nebeneinander. Man sieht dass ich nicht schnell genug geknipst habe, und die Biere bereits angetrunken waren – ein Beweis für die hohe und unwiderstehliche Qualität des Bieres. Die lässt zweifeln, ob es bei dem in der Gründungsgeschichte der Mayers als „Laien“ nicht um eine geschickte und werbewirksame Selbstmystifizierung handelt. Jedenfalls kann kein Profi das besser machen. Die Betreiber rühmen sich zudem, dass sie die Zutaten sehr schonend zubereiten, und dass sie unfiltrierte Hefe mit einem hohen Gehalt an Vitamin B verwenden. Biertrinken ist hier also nicht nur Genuss, sondern etwas Gutes für die Gesundheit. Menschen mit größeren Gesundheitsproblemen, bei denen normales Qualitätsbier nicht mehr wirkt, sei die stärkere Dosis empfohlen, der hauseigene Bierbrand mit 50 Prozent Alkoholgehalt.

Ja, und wer gut trinkt, soll wenigstens nicht schlecht essen. Und auch das ist garantiert in der Familienbrauerei Berounský medvěd! Natürlich findet man auf der Speisekarte die großen tschechischen Bierhaus-Klassiker, wie gegrillte Entenbrust, eingelegten Hermelin (eine Art tschechisches Camembert-Imitat, oder haben die Franzosen etwa den Hermelin nachgemacht?) oder die rechts abgebildete Fleischplatte mit einer Variation böhmischer Knödel. Aber es gibt auch eine etwas internationaler anmutende Steak-Karte. Die Qualität des Fleisches ist exzellent. Die tschechische Küche bekommt in ihrer Schlichtheit dadurch einen erhöhten und edlen Charakter. Wer (was in Tschechien gottlob eher selten ist) lieber vegetarisch genießt, der kann sich sogar an einer kleinen Salatplatte delektieren. Jedenfalls korrespondiert der hohe Standard des Bieres mit der des Essensangebots.

Und wohlfühlen kann man sich drinnen. Denn der Gastraum ist so gemütlich, wie es in einem Braurestaurant sein muss. Aber so richtig! Der Schrott und Verfall draußen (der sowieso eine großartige Kulisse für das Ganze bildet) ist in der ersten Sekunde vergessen. Denn tatsächlich ist die alte Industiriearchitektur ausgesprochen geeignet, die richtige Atmosphäre zu schaffen, die man für ein zünftiges Biervergnügen braucht. Dazu wurde das Ganze richtig hübsch dekoriert. Überall wurden sorgfältig Hopfengirlanden (Bierstimmung!) angebracht. Es gibt klassische, aber schon höherwertige Holzmöbel und alte Werbetafeln von Brauereien wurden an den Wänden angebracht. Die Räumlichkeiten sind groß genug für ab und an stattfindende Kulturveranstaltungen oder auch Festlichkeiten wie Hochzeiten.

Dazu wurden einige Wände mit entzückenden, teilweise geradezu humoristischen Wandmalereien geschmückt, die teilweise Szenen aus dem Brauerleben zeigen, aber auf bisweilen Überraschendes. Zum Beispiel das Sgraffito, das wir im Bild rechts sehen. Da wurde ein altes Waschbecken genutzt, um drumherum einen Brunnen mit der Statue des böhmischen Nationalheiligen Nepomuk zu malen. Nach hinten verliert sich das Ganze perspektivisch als Straßenzug. In das Gemälde wurden jedoch ein nicht als Sgraffito, sondern plastisch/realistisch gemaltes Portrait eines sitzenden Hundes und eine ebenso angefertige Katze eingefügt. Auf den ersten Blick denkt man, hier säße wirklich der Hund eines Gastes (in Tschechien ist das ja nicht unwahrscheinlich). Lady Edith, die mit dabei war, als wir hier einkehrten, fiel allerdings auf die optische Illusion nicht herein.

Wer nach einer längeren Wanderung entlang der Berounka nach einem geeigneten Abschluss eines schönen Erlebnistages sucht, kann sich wohl kaum etwas Besseres vorstellen. Lange Rede (dazu lädt die Brauerei ein!), kurzer Sinn: Ja die Familienbrauerei Berounský medvěd des Ehepaars Mayer ist ein absolutes „Muss“ für den Freund tschechischen Bieres! (DD)

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