Held der Parallel-Diplomatie

Ein ausländischer Politiker, nach dem in Prag ein großer Park benannt ist, und der dort ein bemerkenswertes Denkmal gesetzt bekam? Max van der Stoel hat das verdient für das Zeichen, dass er 1977 setzte. Auch wenn die Folgen unmittelbar zuerst tragisch waren.

Februar 1977: In diesem Jahr bereitete der niederländische Außenminister Max van der Stoel seine Auslandsreise in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) vor. Man befand sich mitten auf dem Höhepunkt der Entspannungspolitik zwischen freiem Westen und der kommunistischen Tyrannei. Man hatte erreicht, dass der Sowjetblock zumindest verbal die Menschenrechte anerkannte, um wirtschaftliche Hilfe vom Westen zu bekommen. Aber wer im politischen Establishment des Westens setzte sich wirklich dafür ein, dass diejenigen, die sich in den kommunistischen Ländern für Menschenrechte einsetzten, auch Unterstüzung signalisiert bekamen? Das Regime war sich sicher, dass die Unterzeichnung ohne Konsequenzen bliebe.

Umso größer war die Überraschung für die Regierung der ČSSR, als sie vernahm, dass van der Stoel sich im Hotel Intercontinental mit einem Dissidenten traf. Einige Wochen zuvor hatte sich die Bürgerrechtsorganisation Charta 77 unter der Führung des Dramatikers Václav Havel gegründet (wir berichteten bereits hier). Im Hotel traf sich van der Stoel mit dem Vizevorsitzenden von Charta 77, dem Philosophen Jan Patočka, zu einem Gespräch über die Menschrenrechtslage im Lande. Die kommunistische Führung, die jeden fremden Einsatz für Freiheitsrechte als „Einmischung in innere Angelegenheit“ sah, war empört. Der für den nächsten Tag geplante Termin van der Stoels mit dem kommunistsichen Staats- und Parteichef Gustáv Husák wurde umgehend abgesagt.

Offiziell hatte der sozialdemokratische Politiker vorher betont, dass er kein Treffen mit Dissidenten initiieren werde, aber mit ihnen sprechen werde, wenn sie ihn besuchten, Dass das geschah, dafür sorgte der (in Absprache mit van der Stoel) der niederländische Journalist Dick Verkijk, der ein Kenner der Szene und 1970 sogar wegen seiner oppositionellen Kontakte von der ČSSR-Staatssicherheit kurz inhaftiert worden war. Einige der bekannten Dissidenten, wie etwa Havel, wurden so bewacht, dass es Verkijk nicht gelang, sie mit van der Stoel in Kontakt zu bringen. Aber bei Patočka klappte es. Verkijk fuhr ihn mit dem Auto zum Treffpunkt.

Heute wissen wir von veröffentlichten Protokollen der Staatssicherheit, dass es am Abend noch ein geheimes Treffen mit Patočka gegeben hatte, bei dem auch die führenden Charta-77-Mitglieder Zdeněk Mlynář  und František Kriegel samt ihrer Frauen dabei waren. Zusätzlich waren vertrauenswürdige westliche Journalisten (und auch etliche tschechoslowakische, von denen sich einige später als die Staatssicherheitsagenten erweisen sollten, die die Protokolle geschrieben hatten) eingeladen. Das brachte die PR-Maschinerie für die Charta77 im Westen richtig in Schwung.

Kein Wunder, dass die kommunistische Führung sauer war. An dem Diplomaten van der Stoel konnten sie sich nicht mit Gewalt rächen. Also wurde Patočka einige Tage nach dem Treffen verhaftet. Obwohl sein schwacher Gesundheitszustand bekannt war, wurde er harten Verhören unterzogen. Bei einem kollabierte er und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo jede Hilfe zu spät kam. Zwei Tage darauf, am 13. März 1977, starb er an einem Schlaganfall. Das war eine schreckliche und unbeabsichtigte Folge von van der Stoels treffen. Aber umsonst war da Opfer vielleicht nicht. Zum ersten: Der Niederländer ließ nicht vom Kampf gegen die Unterdrückung ab. Er engagierte sich stets an vorderster Front in Sachen Menschenrechte. Auch nach seiner Zeit als Außenminister. So war er 1991 bis 1999 Rapporteur der UNO für die Einhaltung der Menschenrechte im Irak und von 1993 bis 2001 Hoher Kommissar für nationale Minderheiten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Zum zweiten: Vor allem aber hatte er eine eine neue Strategie im Umgang mit dem Ostblock entwickelt, etwas, das man Parallel-Diplomatie nannte. Von nun an gehörte es zum guten Stile, dass Staatsgäste dort neben den offiziellen Gesprächen auch welche mit Dissidenten führten – immer daran erinnernd, dass die Machthaber in der Schlussakte von Helsinki zwei Jahre die Verpflichtung zur Achtung von Menschenrechten selbst unterschrieben hatten. Diese Besuche gaben den Dissidenten – allen voran Charta 77 – erheblichen Auftrieb, Publicity und Legitimität. Als im Dezember 1988 der französische Präsident Francois Mitterand bei einem Staatsbesuch führende Dissidenten zu einem Abendessen einlud, konnte sich Staatschef Husák nicht mehr leisten, ihn von einem Treffen fernzuhalten. Dissentenanführer Havel konnte einen Tag später sogar eine Demonstration für Menschenrechte anführen. Kurz: Van der Stoel hatte seinen Beitrag geleistet, dass eine Bewegung erwuchs, die 1989 dem Kommunismus ein Ende setzte.

Im März 2017 – fast genau 40 Jahre nach dem Treffen van der Stoels mit Patočka wurde zugleich der Park nahe der Bastion X der barocken Stadtbefestigung in Max van der Stoel Park (Park Maxe van der Stoela) umbenannt und ein Denkmal für den 2011 verstorbenen Diplomaten eingeweiht. Neben dem Prager Stadtteilbürgermeister Ondřej Kolář und dem niederländischen Botschafter Eduard Hoeks waren noch Frans Timmermans, Vizepräsident der EU Kommission und der tschechischen Außenminister Lubomír Zaorálek anwesend. Auch Dick Verkijk und führende Veteranen der Charta 77 wie Petr Pithart nahmen an der feierlichen Einweihung teil. Ein großes Ereignis – und auch angemessen!

Das originelle Denkmal wurde von dem tschechischen Bildhauer Dominik Lang gestaltet. Es handelt sich um einen ebenerdige, aus Beton gefertigten Umriss eines Baumes in Originalgröße, der genau bei dem Stamm eines echten Baumes beginnt. Dadurch wird der visuelle Effekt eines weißen Schatten erreicht. Das Denkmal, so meinte Lang bei der Einweihung, solle  „die Auswirkungen des Treffens auf die Geschichte der Tschechischen Republik“ symbolisieren. Und: „Es ist ein permanent eingefangener Schatten, der uns daran erinnert, dass viele vergängliche Ereignisse und Treffen um uns herum stattfinden und wir sie vergessen werden. Dieser besondere Schatten erinnert an das kurze Treffen von Professor Patočka mit Max van der Stoel. “ Und auch des tapferen Dissidenten, der als Konsequenz des Treffens sein Leben verlor, wurde gleichzeitig gedacht. Die große Verkehrsachse, die westlich des Max van der Stoel Parks verläuft, wurde nach ihm in Patočkova ulice (Patočka Straße) umgetauft. (DD)

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