Artilleristengräber an der Bastion

Man muss ein wenig suchen, bis man sie findet. Die Grabsteine befinden sich fast versteckt am Fuße der Bastion X der barocken Stadtbefestigung des Burgbezirks (Hradčany) – im unteren Teil des von Schnellstraßen umgebenen, aber dann doch recht großen und grünen Max van der Stoel Parks. Man muss schon wissen, wonach man sucht, um sie zu finden.

Prag ist vor allem im 18. Jahrhundert oft belagert worden und es gab daher viele Garnisonen zu seiner Verteidigung. Folglich gab es auch viele, über die Stadt verteilte Soldatenfriedhöfe. Nur von wenigen findet man noch sichtbare Spuren, seitdem sie Anfang des 20. Jahrhunderts samt und sonders aufgelöst wurden und militärische Begräbnisse aller Arten (Beispiel hier) seither nur noch auf den Olšany Friedhöfen (Olšanské hřbitovy; wir berichteten hier) oder außerhalb der Stadt stattfinden.

Die Rede ist vom Soldatenfriedhof von Střešovice (Střešovický Vojenský Hřbitov). Der wurde 1786 unter Kaiser Joseph II. für die Garnison des Artillerieregiments des damals ummauerten und befestigten Burgbezirks eingerichtet. Die Lage des Areals für den Friedhof war ideal, erfüllte sie doch des Kaisers Vorgabe, dass Friedhöfe (ganz gleich, ob militärisch oder zivil) aus den Innenstädten zu verschwinden hätten, war aber gleichzeitig so dicht von außen an den Bastionsmauern angelegt, dass die Angehörigen nicht weit laufen mussten, um den Toten Ehre zu erweisen. Da Prag 1757 während der Belagerung der Stadt im Siebenjährigen Kriegs das letzte Mal real militärisch bedroht worden war, dürften die meisten dort damals Begrabenen nicht Kriegsgefallene gewesen sein. Auch friedlich in einer Garnison untergebracht, sterben Soldaten ja irgendwann und müssen begraben werden. Die meisten tatsächlichen Kriegsopfer wurden hier während der Napoleonischen Kriege und dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 begraben, bei dem die Artilleristen außerhalb der Heimat Prag eingesetzt wurden, aber meist doch hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

Bis 1906 fanden auf dem recht großen Areal noch Beerdigungen (zu diesem Zeitpunkt teilweise auch zivile) statt. In diesem Jahr wurden etliche Soldatenfriedhöfe aufgelöst und desekriert, etwa der große ehemalige Soldatenfriedhof von Karlín, von dem nur die Kapelle, aber seit seiner Auflösung kein Grabstein überlebte (wir berichteten hier). Das war im Falle des ebenfalls desekrierten Friedhofs Střešovice nicht in diesem Umfang der Fall. Etliche Soldaten wurden auf den weit außerhalb gelegenen Soldatenfriedhof in Štěrboholy (wir berichteten hier) umgebettet. Einige Gräber blieben und wurden noch bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg und in der Ersten Republik von Hinterbliebenen gepflegt. Vor allem blieb eine größere Menge Grabsteine erhalten. Die Situation verschlechterte sich allerdings markant, als in den 1930er Jahren der Park in eine Sportanlage umgewandelt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich Gartenkolonien hier breit, die weiteren Schaden anrichteten. 1987 erbarmten sich die Behörden und das Areal wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Es begannen Restaurationsarbeiten. Die meisten der Grabdenkmäler und -platten wurden sehr einfühlsam und sorgfältig an den Mauern der Bastion angebracht, die man nun nachdenklich und interessiert entlang spazieren kann. Da findet man zum Beispiel das prächtige Grabmal von General Wenzel Schipka von Blumenfeld, der 1866 starb. Als Kuriosum bemerkt man, dass das oben eingemeißelte Familienwappen schräg auf dem Kopf steht (Bild rechts, aber auch großes Bild oben). Das soll symbolisieren, das mit dem dort Beerdigten der letzte seines Geschlechts, einer alten Ritterfamilie, gestorben war.

Ein anderer Prominenter, dessen Grabstein man noch sehen kann, war Josef Jüttner, Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und Kommandant der Prager Artilleriebrigade, der als Kartograph 1811 bis 1816 den ersten auf geodätischer Basis erstellten Stadtplan Prags anfertigte. Allerdings fehlen bei vielen Grabsteinen die Inschriften, wie man am Bild links erkennen kann – eine traurige Folge von Vandalismus. DIe Denkmalpfleger arbeiten emsig daran, dass möglichst viele Inschriften wieder restauriert und rekonstruiert werden.

Weiter im Süden des Parks steht man dann vor einem großen Denkmal, einem Kreuz, das in einer sternförmigen Umbauung steht, die dem Grudriss der Bastion ähnelt. Es markiert die Stelle, wo einst 28 preußische Soldaten beerdigt worden waren. Preußen? Aber Prag war doch österreichisch und wurde auch nicht von Preußen erobert, oder? Nun, das war eine Folge des Preußisch-Österreichsichen Krieges von 1866. Nachdem Österreich die Schlacht von Königgrätz (Hradec Králové) verloren hatte, kam es zu Friedensverhandlungen. Die endeten mit dem Frieden von Prag am 23. August 1866. Kapituliert hatten die Österreicher aber schon im Juli, als der Vorfrieden von Nikolsburg die Kampfhandlungen beendete, was wiederum die Friedensverhandlungen in Prag erst möglich machte. Während der Verhandlungen konnte ein kleineres preußisches Truppenkontingent – darunter auch Artillerie – in Prag stationiert werden. So waren sie hierher gekommen und die 28 hier Begrabenen gehörten zu ihnen. Sie hatten am 25. August 1866 aus Versehen eine Munitionsexplosion ausgelöst und waren dabei ums Leben kamen. Sie wurden nun Seite an Seite ihrer früheren Gegner, den österreichischen Artilleristen begraben.

Am Anfang gab es hier nur ein einfaches Schachtgrab, Das Denkmal in der heutigen Form wurde erst 1890 mit Hilfe von Spenden des Hilfsvereins Deutscher Reichsangehöriger zu Prag (heute würde man von deutschen „Ex-Pats“ reden) . „Hier ruhen in Gott 28 Preußische Soldaten“, besagt die Inschrift auf dem Sockel des Kreuzes. Und darunter steht das Bibelzitat: Jesus Christus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben (Johannes 11,25). Nach einer aufwändigen Renovierung im Jahre 2018 sieht das Grabdenkmal wieder blitzblank und gut in Schuss aus. Das ist schön. Immerhin scheinen die Wunden, die der Krieg von 1866 aufgerissen hat, verheilt zu sein. (DD)

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