Kühne Rampe

Die erste Phase des Baus des Prager Metrosystems fand in den 1970/1980er Jahren statt, als (nicht nur) in den kommunistischen Ländern der Brutalismus in der Architektur wilde Blüten trieb. Roher Beton und Stahl und gigantomane Konstruktionen – immer mehr Menschen finden, dass das durchaus seinen eigenen Charme hat. Und von allen brutalistischen Metrostationen in Prag ist die von Opatov möglicherweise die brutalistischste.

Schon die Umgebung stimmt, denn wir befinden uns hier beim vorletzten U-Bahnhof der Linie C (rot) in südlicher Richtung. Da ungefähr beginnt die berühmt-berüchtigte Südstadt (Jižní město), die in den 1970ern erbaute größte Plattenbausiedlung der damaligen Tschechoslowakei, die man oben bei der Bushaltestelle über der Metro schon in der Ferne sehen kann (Bild links). Klar, dass solch ein riesiges Bevölkerungskonglomerat auch in Sachen Verkehr gut angebunden sein will. Die Planungen begannen einigermaßen Parallel zum Siedlungsbau. Und deshalb wurde schon am 7. November 1980 die neue Metrostation für die Großsiedlung eingeweiht. Die Station entstand nach den Plänen der Architekten Jiří Navrátil und Michal Flašar, wobei letzterer mehr für die Innenarchitektur zuständig war.

Die Station wurde entsprechend auch recht großzügig auf Massenandrang konzipiert. Dennoch hat sie nur ein Vestibül und ist – wie die meisten Stationen in den Vororten – nicht sonderlich tief gelegen, nämlich nur 11 Meter unter Oberfläche. Man vergleiche das mit den 53 Metern Tiefe bei der deutlich zentraler gelegenen Station Vinohrady! Ein Grund, warum sie aber auch so wenig tief unter der Ede liegt, ist die Tatsache, dass man sie in eine kleine Talsenke eingebaut hat, die sogar ein wenig mit Rasen und einigen Bäumen begrünt ist, Das hat unter anderem zur Folge, dass Passanten, die die Station vom Erdgeschoss aus verlassen, die umliegende Siedlung kaum sehen. Auch von der obeen Ebene aus sieht man sie zunächst wie in der Ferne.

Bei dem Gebäude handelt es sich eigentlich um ein flaches und eingeschossiges Rechteck aus Beton, Stahl und Glas. Von außen, d.h. von der grünen Talsenke aus, wirkt es aber optisch wie ein zweigeschossiges Gebäude mit einer leichten Stahl- und Glasdachkonstruktion (Bild links). Das ist aber in dieser Form eine optische Täuschung, denn es handelt sich um die überdachten Haltestellen des Busbahnhofs von Opatov. Die Metrostation ist nämlich mehr als eine Metrostation, sondern ein richtiger Verkehrsknotenpunkt. Dank er versenkten Position konnte eine große Zubringerstraße (die Chilská) darübergeleitet werden. Und zu ihr gehört der große Busbahnhof – einer der zentralen der Umgebung. Und alles findet auf zwei Ebenen statt – unten die Metro, oben Straßenverkehr und unzählige Bushaltestellen.

Da es sich um eine vielgenutzte Station handelt, gibt es auch viele Verbindungen zwischen den Ebenen, sowohl Treppen als auch Rolltreppen. Das ist natürlich nicht besonderes. Anders steht es um die enorme spiralförmige Rampe, die als Gehweg zwischen der Metro- und der Busebene genutzt werden kann, und die breit genug ist, dass z.B. mehrere Kinderwagen nebeneinander fahren können. Die rotgestrichene Rampe ist nicht nur nützlich, sondern auch ein kühnes Meisterwerk in brutalistischer Formgebung aus rohem Beton. Das große Bild oben vermittelt eine Idee davon. Leider mindern Sprayereien den kolossalen Eindruck, aber gottlob nur ein wenig.

Das Innere der Metrostation wurde in den Jahren 2019/20 kostspielig renoviert, wobei auch Teile der alten Interieurs ausgewechselt wurden. Aber zumindest die Bahnsteige sind weitgehend authentisch geblieben. Die Gestaltung ist allerdings recht schlicht und wenig bemerkenswert. Ähnliches findet sich auch in anderen Stationen der Zeit, etwa in Roztyly. Die Wände sind mit Kacheln aus jugoslawischem Travertin in zwei verschiedenen Brauntönen bedeckt. Aus dem dunkleren Braunton wurde eine Art horizontaler Mittelstreifen geformt. Wer fragt, was denn die Besonderheit der Station Opatov ist, wird sicher nicht mit „die Kacheln“ antworten, sondern die beeindruckende Rampe nach oben nennen.

Ach ja: Als die Station Ende 1980 feierlich eingeweiht wurde, hörte sie noch nicht auf den Namen „Opatov“. Ihr ursprünglicher Name war „Družby“, was soviel wie Partnerschaft oder Freundschaft bedeutet, und im damaligen Kontext des Kommunismus als Kürzel für die „Tschechoslowakisch-Sowjetische Freundschaft“ stand, die ja ganz unverbrüchlich sozialistische Brüdervölker verband – notfalls mit Gewalt, wie im Jahre 1968. Kein Wunder, dass man den Namen 1990 umänderte. Nun ist sie ganz politisch neutral nach dem umgebenden Prager Ortsteil Opatov benannt. (DD)

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