Museum für geborene Musikanten

„Ihr braucht einen Lehrer. Einen Böhmen! Das sind geborene Musikanten“, sagt kein Geringerer als Donald Duck (WDC 85/1) als er bei seinen drei Neffen den Bedarf an einem qualifizierten Musikpädagogen feststellt, den er in dem genialen, aber übersensiblen Professor Poplischek auch für kurze Zeit findet. Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Karel Gott – die Liste der Großen der Tonkunst des Landes ist lang und ruhmreich. Kein Wunder, dass man sich in Prag deshalb auch ein beeindruckend großes Nationalmuseum der Musik (České muzeum hudby) leistet, das weltweit seinesgleichen sucht.

Schon das Gebäude an der Karmelitská 2/4 auf der Kleinseite ist etwas Besonderes. Betritt man es, wird man von der Größe des Zentralraums und dem es abschließenden Treppenhauses glatt überwältigt (großes Bild oben). Bis das erbaut wurde, hatte das Gebäude schon eine lange und abwechslungreiche Geschichte hinter sich. 1315 errichtete hier an Stelle einer früheren kleinen Kirche der Orden der Schwestern der Hl. Maria Magdalena von der Buße ein Kloster mit Gotteshaus. Das fiel im frühen 15. Jahrhundert den Hussitenkriegen zum Opfer und erlitt schwere Schäden. 1604 wurde die Anlage von den Dominikanern übernommen, die hier bis 1783 blieben. In diesem Jahr wurde das Kloster im Zuge der Kirchenreformen Kaiser Josephs II. aufgelöst und an die Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Es fristete nun ein Dasein als Lager und Büroraum.

Dabei hatten die Dominikaner die Kirche (nach der langen „Durststrecke“ des Dreißigjährigen Krieges) zwischen 1677 und 1709 im großen Stil neugestaltet. Nach den Plänen des Architekten Francesco Caratti war ein wirklich imposantes Bauwerk im barocken Stil entstanden. Wie dem auch sei: Das Gebäude war nun schnöde säkularisiert. Der Zuckerfabrikant ließ die Glockentürme abreißen. Als dann 1792 das böhmische Postamt der Besitzer wurde, verschönerte immerhin der Architekt Johann Ignaz Palliardi die Fassade durch eine frühklassizistische Gestaltung. Der Eingang erinnert stilistisch an dieses Bauphase. 1848 zog hier zunächst ein Militärhospital und dann die Gendarmerie ein.

Letztere setzte Stockwerke auf und baute von 1853 bis 1854 unter der Leitung des Architekten Josef von Wentzel das riesige, spätklassizistische Treppenhaus (großes Bild oben) ein, das für die dort wimmelnden Bürokraten die Dienstwege zu verkürzen half. Auf die von vorbeigehenden Passanten kaum je wahrgenommene achteckige Kuppel auf dem Dach, die ein wenig daran erinnert, dass dies einmal ein Sakralbau war, wurde in dieser Form neugestaltet. Die Gründung der Ersten Republik 1918 sah auch die Abschaffung der alten Gendarmerie. Das Zentralarchiv des Innenministeriums und dann das Nationale Archiv fanden hier eine neue Herberge. Nach dem Ende des Kommunismus wurden für diesen Zweck neue Räumlichkeiten erschlossen und so kam es, dass nach einer dreijährigen Umbauzeit 2004 hier das Musikmuseum einziehen konnte.

Ja, und das hätte keine bessere Räumlichkeit finden können. Denn der Bau bietet nicht nur viel Platz für die beachtlich große Sammlung, die unter Einberechnung der Archivbestände rund 700.000 Items von Instrumenten über Tonträer bis zu Manuskripten umfasst. Und einige der Ausstellungsstücke, wie zum Beispiel jenes Kirmes-Orchestrion auf dem Bild rechts aus dem Jahre 1890, sind auch noch recht voluminös. Vor allem erlaubt aber die riesige Haupthalle noch einen kleinen Konzertbetrieb. Selbst kleine Openaufführungen (Beispiel hier) finden hier Platz. So wird der eigentliche Gegenstand des Museums, die Musik, dem Besucher noch eindringlicher nahe gebracht.

Und Platz für große Wechselausstellungen gibt es im Erdgeschoss. Sie wenden sich in der regel bestimmten Aspekten oder Zeitabschnitten der Musik im Lande zu. Die fesche E-Gitarre „made in ČSSR “ des Typs Galaxis aus den 1980er Jahren wurde zum Beispiel 2020 bei einer Ausstellung über den schweren Stand, den die moderne Rockmusik in den Zeiten des Kommunismus vor 1989 im Lande hatte, gezeigt.

Die Dauerausstellung im ersten Stock ist wiederum primär und im eigentlichen Sinne eine umfangreiche Instrumentenausstellung. Die zeigt allerdings auch ab und an kleine musikhistorische Highlights, die mit dem jeweiligen Instrument verbunden sind – etwa das rechts abgebildete Klavier, auf dem tatsächlich der große Wolfgang Amadeus Mozart in den 1780er Jahren in Prag gespielt hat. Hier in der Stadt war er bekanntlich beliebter war in Wien (früherer Beitrag hier), wo angeblich, aber nicht wirklich Antonio Salieri ihm nach dem Leben trachtete. Ehrfürchtig steht man vor dem Klavier und das Museum ist auch mächtig stolz darauf, es zu besitzen. Auf dem Deckel kann man eine im 19. Jahrhundert angebrachte Gedenkplakette aus Metall sehen.

Die Sammlung ist nach Instrumenten-Kategorien sortiert – jede von ihnen in einem separaten Raum. Man befindet sich, wenn man den Mozart-Flügel sieht, in der Abteilung für Tasteninstrumente. Dort sieht man aber nicht nur gewöhnlich Feld-Wald-und-Wiesen-Klaviere, sondern auch seltsame raritäten. So etwa das im Kern ja recht praktische und platzsparende Giraffenklavier auf dem Bild rechts. Es wurde von den Instrumentenbauer Johann Friedrich Reysz aus České Budějovice (uns bekannt als Budweis) Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und gebaut. Durchgesetzt hat sich die Idee, den Klangkörper eines Flügel auf der Grundfläche eines einfachen Klaviers unterzubringen aber aus unbekannten Gründen nicht.

Auch in anderen Räumen und bei anderen Instrumentenkategorien findet man ausgesprochene Kuriosa. Inmitten der Sammlung für Hörner findet man zum Beispiel das Šedifon, das irgendwann zwischen 1885 und 1900 entstanden ist. Das durch seine zwei Schalltrichter schon sehr ungewöhnlich aussehende Instrument ist die Erfindung des mit seiner Firma in Odessa ansässigen, aber aus Böhmen stammenden Instrumentenbauers Josef Šediva. Die Konstruktion ermöglichte durch Umlegen eines kleinen Hebels die Umleitung der Luft in einen Trichter für härtere (z.B. wie eine Trompete) oder weichere (etwa Flöte) Töne. Auch das hört sich so praktisch an, dass man sich fragt, warum es sich nicht durchgesetzt hat. Die beiden Šedifone im Prager Musikmuseum gehören zu den wenigen überhaupt noch verbliebenen Exemplaren auf der Welt.

Aber auch für die traditioneller gebauten Musikinstrumente sollte man sich Zeit nehmen. Man erfährt viel darüber wie sich allmählich zum Beispiel der Form der Geige oder der Gitarre herausbildete. Leider sind die Beschriftungen sowohl im Englischen, als auch im Tschechischen ausgesprochen mager, was als einziger Kritikpunkt vielleicht doch angebracht wäre. Selbst bei Instrumenten, die sich länger durchgesetzt haben, wie etwa die oberhalb links gezeigte Glasorgel oder -harmonika. Das von Benjamin Franklin 1761 erfundene Instrument, bei dem rotierende Glasschallen, die mit einem nassen Finger berührt werden, sphärische Klänge produzieren, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Heute ist es kaum mehr bekannt. Für Sphärentöne hat man heute schließlich den Synthesizer

Kurz: Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass Donald Duck über die Musikalität der Böhmen recht hatte, dann würde der Besuch dieses Museums ihn spielend erbringen. (DD)

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