En kölsch Mädche op däm Wäch vun Prag zor Mongolei

Kölsche Mädche sin jefährlich, diese Weisheit des karnevalistischen Liedguts wird mittlerweile auch in Prag zumindest unter Przewalski-Pferden kaum mehr in Frage gestellt. Denn der Prager Zoo (unser Bericht hier) mag eines der wichtigsten Zuchtprogramme für die wilden Pferde betreiben, die Chefin der Herde, die im April 2021 im neu eröffneten großen Freigehege ausgewildert wurde, ist jedoch unumstritten Lana aus Köln.

Die Infotafel am Zaun des neuen Riesengeländes informiert darüber, dass sie eine „občas náladová klisna“ (zu Deutsch: eine gelegentlich launische Stute) sei und am 21. August 2016 im Kölner Zoo geboren wurde. Aber wer sind diese Pferde, deren rheinisch-kapriziöse Anführerin sie ist? Nun, die Przewalski-Pferde gelten als die „letzten echten Wildpferde“. Die Pferderasse wurde 1881 erstmals in der Mongolei entdeckt und in der Folge immer mehr durch den Menschen dezimiert. Um 1967 starb das letzte freilebende Pferd dieser Art. Aber es gab immerhin noch einige Exemplare in europäischen Zoos. Doch auch hier gab es Probleme, da die Tiere sich in Gefangenschaft nur schlecht vermehrten. 1956 gab es nur noch 41 Pferde in menschlicher Obhut. Es sah gar nicht gut für die Przewalski-Pferde aus. Etliche Zuchtlinien endeten. nach dem zweiten Weltkrieg gab es nur noch in den Zoos von München und Prag größere Bestände. Bei Zuchtlinien kamen aber in den 1960er Jahren – der Zeit des Kalten Krieges – kaum zusammen. Inzucht in den einzelnen Herden war die Folge.

Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der Prager Zoo bereits Initiativen ergriffen, um die Przewalski-Pferde zu retten. Hier hatte man schon in den 1930er Jahren mit der Zucht begonnen (als es noch wildlebende Pferde gab). 1959 lud der Zoo erstmals zu einem Internationalen Symposion zur Rettung der wackeren Equiden ein. Dort wurde beschlossen, dass der Prager Zoo das Weltzuchtbuch führen und damit Koordination der Zuchtmaßnahmen übernehmen solle. Was man auch brav tat. Und so erreichte die Weltpopulation in Zoos 1983 erstmals die Marke 500 und im Jahre 1990 waren es bereits 1000. Schön und gut, aber es war egal, wieviele es waren, solange das Leben der Tiere nur hinter Zoogittern verlief. Ein Wildpferd muss wild und frei leben dürfen! Auch internationale Initiative wurde darob das 1975 gegründete Große Gobi-B-Schutzgebiet in der Heimat der Przewalskis 1992 zu einem Auswilderungsgebiet unter strengem Schutz erklärt. Schon 1988 hatte man bereits Pferde von Prag in dieses Gebiet organisiert. Seither hat sich das Zusammenspiel von internationalen Naturschutzorganisation und der Tschechischen Luftwaffe (die die Transportmaschinen stellt) hervorragend entwickelt.

Zwischen 2011 und 2019 wurden alleine 34 Pferde aus dem Prager Zoo in die Mongolei geflogen. Das führte nach einiger Zeit zu einer markanten Vermehrung wildlebender Przewalskis in Gobi-B. 2020 waren es erstmals über 300 Exemplare. In dieser Zeit gab es bereits andere Schutzparks in der Monoglei mit ebenfalls hunderten Pferden. Im Nationalpark Chustain Nuruu waren es 2020 sogar 380. . Aber an das Auswildern muss man sich als Pferd auch gewöhnen. Erst lebt man in einem Zoo unter liebevoller Fürsorge und wird im Trog gefüttert und von den Wärtern gestriegelt und dann befindet man sich nach langem Flug auf einmal in einer semi-ariden Landschaft, wo man sich sein Fressen selbst zu suchen hat. Darauf sollte man vorbereitet werden. Das tat man so gut es die Fazilitäten des Zoos erlaubten. Das war, so sah man irgendwann ein, nicht genug.

Es musste ein größeres Stück Land her, in dem sich die Pferde so naturnah und frei, wie es in Prag nur möglich ist, ausleben können. 2011 begann man mit ersten Planungen und 2019 fing man an, im Südwesten Prags bei Dívčí hrady (Prag 5), rund acht Kilometer Luftlinie südlich des Zoos und hoch über dem Naturschutzgebiet des Prokoptals (Prokopské údolí) und neben dem denkmalgeschützten Areal der altslawischen Wallburg von Děvín (hrad Děvín) – über die wir bereits hier berichteten – ein großes Freigehege einzurichten. Das hat etwas über 500×500 Meter Ausmaße. Im Bild rechts sieht man den durch Zaun separierten Stall, der aber nur genutzt wird, wenn Fohlen geboren werden oder es einen Notfall gibt. Ansonsten hat man sich als Pferd draußen auszutoben. Das ist ja der Zweck der Sache.

Das ganze Areal umgibt ein riesiger, hoher und unüberwindbarer (für Mensch und Tier) Zaun. Einige Meter hinter dem Zaun ist n ein kleiner Drahtzaun, der dafür sorgt, dass der Abstand von Mensch und Pferd genügend weit ist, und dass niemand auch nur auf die Idee kommen kann, die Pferde zu füttern – was auch streng verboten ist. Das Areal ist so groß, dass man schon manchmal ein Stück drumherum spazieren kann, ohne auch nur ein einziges Pferd zu sehen. Ein wenig helfen einem die drei hölzernen Beobachtungsplattformen, von denen man im Bild links eine in der Ferne sieht, zusammen mit ebenfalls weit entfernten Przewalskis. Seit der Eröffnung des Großgeheges im April strömen die Besucher aus der Stadt nur so hierhin, um die Tiere zu bestaunen.

Zunächst waren es nur eine handvoll Stuten, die hier freigelassen wurden. Nach und nach sollen auch Hengste kommen, sodass hier nicht nur ausgewildert, sondern auch gezüchtet wird. Die Fohlen werden dann unter naturnäheren und realistischeren Bedingungen geboren und aufwachsen als es im Zoo selbst der Fall gewesen wäre.

Und in nicht allzu langer Zeit wird es für viele der Pferde hier oben heißen, Abschied vom schönen Prag zu nehmen. Dann geht es in die Mongolei, wo schon viele andere Przewalski-Pferde warten. Lana, die Chefin der Herde, wird dann in der Ferne führungsstark den rheinischen Frohsinn unter den Equiden verbreiten. Am kölschen Wesen kann die Welt ja nur genesen! (DD)

PS: Für Nicht-Kölner: Der Titel dieses Beitrags lautet auf Hochdeutsch „Ein kölnisches Mädchen auf dem Weg von Prag zur Mongolei“.

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