Die erste „Platte“ – noch recht wohnlich

Eigentlich ist das ein normales, sogar recht human dimensioniertes und ästhetisch ansprechendes Mietshaus. Der hier gezeigte Eingang sieht nicht einmal nach „Platte“ aus. Es war ja auch der Prototyp, den wir hier in der U Prefy 771/25 im Prager Stadtteil Ďáblice sehen. Der Prototyp aller Plattenbauten in der damals kommunistischen Tschechoslowakei. Und Prototypen machen ja meist mehr her als das, was der Endverbraucher am Schluss kriegt…

Bei Plattenbauten denkt man an einförmige Quaderblöcke zur Massenhaltung von Menschenmaterial in kommunistischen Vorstädten. Und das war ja auch größtenteils die Realität. In der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik wurden rund drei Millionen Wohnungen so fabriziert. Aber an für sich ist die Idee, Häuser mit vorgegossenen Betonteilen, aufgehängt in Stahlskeletten zu bauen, ja durchaus sinnvoll und muss nicht dort enden, wo sie im Kommunismus endete. Schon in den (vorkommunistischen) 1920er Jahren hatte es immer wieder zuerst in den Vereinigten Staaten, dann auch in Deutschland Wohnungsbauprojekte dieser Art gegeben.

In der Tschechoslowakei musste man noch etwas warten. Im Jahre 1948 beauftragte man den Architekten Miloslav Wimmer, das hier vorgestellte Haus in Ďáblice zu enwerfen – als Prototyp der später in geringer Stückzahl verbreiteten Serie T16. Und so wurde hier 1953 das erste vollständig in Plattenbautechnik hergestellte Wohnhaus fertiggestellt. Aber den Behörden kamen auf einmal Bedenken ob der statischen Sicherheit. Man zog den Architekten Stanislav Bechyně hinzu, der als Meister gewagter Betonbrückenprojekt damals über Weltruhm verfügte. Der rechnete noch einmal nach und fand, dass die Statik doch völlig in Ordnung sei. 1955 zogen darob die ersten Mieter ein.

Nun hätten ja etliche Vordenker der eintönigen Plattenbaubatterien – als Negativbeispiel sei Le Corbusier genannt – niemals selbst in solchen Wohnungen wohnen wollen, die sie voll ideologischer Inbrunst der Arbeiterklasse anempfahlen. Wimmers Haus war immerhin so ansprechend, dass Wimmer dort selbst als einer der ersten Mieter einzog und bis zu seinem Tod im Jahr 2010 dort blieb. Das hatte vielleicht auch etwas damit zu tun, dass der doch recht wohnliche Prototyp im ländlichen Dorfkern von Staré Ďáblice (Alt Dablitz) steht – gleich neben einem alten Schlösschen. Das ist idyllisch. Im heutigen modernen Teil von Ďáblice, der etwas außer Sichtweite liegt, tobten sich Wimmers Nachfolger in hoher Konzentration mit Plattenmonstrositäten aus, wie wir sie halt so kennen (Bild oberhalb links). Das ist nicht ganz so idyllisch – um es vorsichtig auszudrücken. Wäre man doch besser auch hier bei Wimmers Dimensionen geblieben…. (DD)

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