Versicherungswerbung als Kunst

Irgendwann wird gute Werbung zu im Laufe der Zeit zu gediegener Kunst. Das Mosaik über dem Eingang des an der Spálená 76/14 in der Neustadt gelegenen Gebäudes des Ersten Böhmischen Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit (První česká vzájemná pojišťovna) fehlt heute in kaum einem Kunstführer über Prager Jugendstil, der ja bekanntlich viel zu bieten hat.

Der Verein, der 1827 zunächst als Feuerversicherung mit sozialem Anspruch und von reichen Gönnern wie Joseph Matthias Graf von Thun-Hohenstein ins Leben gerufen wurde, hatte sich zur Zeit der Errichtung dieses Gebäudes bereits zu einer Großversicherung mit breiter Angebotspalette entwickelt. Deshalb konnte man sich auch den Umbau eines großen Palastes leisten, dem Hildprandt Palais, das seit dem 17. Jahrhundert dem Geschlecht Hildprandt von und zu Ottenhausen gehörte. In den Jahren 1803 bis 1804 ließ die Familie es von dem Architekten Zacharias Ziegert im klassizistischen Stil erneuern. Insbesondere im Treppenhaus und bei den Skulpturen kann man noch Spuren dieser Bauphase erkennen. Die Erben von Robert Freiherr von Hildprandt von und zu Ottenhausen, einem liberalen Reformpolitiker, der 1889 starb, veräußerten den Palais später.

In den Jahren 1907 bis 1909 baute der neue Eigner – eben der Versicherungsverein – das Gebäude noch einmal kräftig um. Dazu wurde der Architekt Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hier, hier, hier und hier) angeheuert, der damals der ganz große Star unter den Vertretern des Jugendstils war. Die Fassade, die er gestaltete, verband den Jugendstil mit zahlreichen eher historistischen Elementen des Neobarock und Klassizismus. Letzteres zeigt sich vor allem auch an den Reliefs über dem ersten Stock, die antikisierende Allegorien auf Tätigkeitsfelder der Versicherung (oberhalb rechts die ursprüngliche Aufgabe der Feuerversicherung) zeigen.

Aber auch die kleinen Portraitreliefs über dem zweiten Stock seinen erwähnt. Sie sind in schöne und passende Kartuschen gefasst. Überhaupt finden sich noch zahlreiche Barockelemnete hier, etwa die Vasendarstellungen im obersten (vierten) Stock. Bewusst wurdebeim Umbau auf das stolze Erbe des Vorgängerpalastes angespielt.

Besonders großartig sind die klassizistischen Großreliefs an den beiden Seitengiebeln, die jeweils Tag und Nacht symbolisieren sollen. Rechts sieht man die Nacht. Eine Gottheit sorgt für die Sicherheit der selig schlafenden Menschen. Drumherum befinden sich auffallend viele Eulenvögel. Die für Weisheit und Vorhersicht stehenden Nachtvögel wurden in dieser Zeit gerne als allegorische Attribute für Versicherungen verwendet (Beispiel hier).

Innen entfaltet sich noch einmal Pracht, etwa das noch klassizistische Treppenhaus und die stilistische dazu passenden Skulpturen des Bildhauers Peter Prachner oder der 1938 vom Architekten Leo (Lev) Lauermann gestaltete funktionalistische Sitzungsraum von 1938. Leider handelt es sich um ein privates Bürogebäude, so dass man nicht einfach überall Sightseeing betreiben kann.

Oft ist aber die Haupttüre offen und man kann einen Blick in den Eingangsbereich werfen. Dort wird mann direkt von dem von Ladislav Šaloun, dem Schöpfer des großen Hus-Denkmals am Altstädter Ring, entworfenen Brunnen im Eingangsbereich überwältigt. Der visuelle Effekt des Brunnens, der eine Knabengestalt mit Blumen darstellt, wird durch das dahinter liegende Jugendstilfenster mit floralem Dekor noch verstärkt.

Und außerdem gilt: Außen gibt es ja genug zu sehen – nicht zuletzt oben am mittleren Giebel, wo noch einmal das Motiv des Böhmischen Löwen (Bild oberhalb links) der Werbung über dem Eingang vergrößert herausgestellt wird – passend zu dem ursprünglich sehr patriotischen Grundgedanken des Versicherungsvereins als soziale Hilfsmaßnahme. (DD)

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