Brutaler Verfall

Der oft als Brutalismus bezeichnete ultramodernistische Baustil der 1960er und 1970er Jahre, der gerade in Prag äußerst kühne Konstruktionen aus rohem Beton und Stahl hervorgebracht hat, findet nach einer langen Zeit allgemeiner Verachtung in letzter Zeit immer mehr Liebhaber. Einge Gebäude stehen bereits unter Denkmalschutz. Und der Abriss von Gebäuden (wir berichteten hier) ist oft heftig umstritten. Wenig regt sich hingegen, wenn ein langsamer und allmählicher Verfall einsetzt. Ein solches Trauerspiel kann man bei dem Kaskadenbrunnen im Folimanka Park in Prag 2 am netten Flüsschen Botič beobachten.

Dabei wäre ein Aufschrei angebracht, denn der Brunnen ist Teil eines der hochkonzentriertesten Ensembles an brutalistischer Baukunst in ganz Prag. Sie liegt, wie man oben im großen Photo erkennen kann, zwischen der 1972 bis 1976 nach den Plänen des Architekten Jiří Siegel erbauten Sporthalle Folimanka (Sportovní hala Folimanka), die wir bereits hier besprachen, und der 1973 eröffneten Nusle-Brücke (früherer Beitrag hier), die damals noch nach dem stalinistischen Kommunistenchef Klement Gottwald benannt war.

Beide Gebäude gelten als Meisterwerke des Brutalismus in Prag und der Brunnen, der beide optisch ein wenig verbindet, entstand zur gleichen Zeit in den Mitte-1970ern. Möglicherweise war auch hier Architekt Siegel der Gestalter und Planer.

Der an einem Abhang liegende Brunnen bestand ursprünglich aus sechs rechteckigen Becken (einige eher Rinnen) aus Stahlbeton, aus denen Wasser von einem zum anderen floss.Unter dem fünften (unteren) Becken befindet sich ein Tank und ein Maschinenraum, der der Bewässerung des Parks dient, in dem es auch noch andere Brunnen zu sehen gibt. Etwas, so finde ich, stört der Eingangsbereich des Maschinenraums die Ästhetik des Brunnens, aber das ist wohl Geschmacksache. Auch jeden Fall handelt es sich um ein kolossales Werk.

Im Jahr 1981 wurde das Ganze noch einmal künstlerisch aufgemöbelt. Der Restaurator und Bildhauer Čestmír Mudruňka, ein Schüler des berühmten Bildhauers Karel Pokorný (siehe auch hier), fügte dem obersten Becken einen Ausguss/Wasserspeier aus Bronze in Blumenform hinzu. Kurz darauf folgten Čenda und Pepina – eine lebensgroße Statue eines Jungen, der im unteren Becken steht und zur lebensgroßen Statue eines Mädchens aufblickt, das auf dem Ausguss eines anderen Beckens (die Stelle sieht man im Bild rechts) sitzt. Die Gruppe mit den beiden Kindern stammte von dem Bildhauer Bohumil Zemánek, der (was damals gewagt war) stark von der amerikanischen Pop-Art beeinflusst war. Das Statuenensemble war zwar nicht brutalistisch im eigentlichen Sinne, gefiel aber den Leuten als besonders niedlich.

Die beiden Figuren waren stets recht populär, obwohl (oder weil?) sie eigentlich in ihrer niedlichen Art, zu dem Rohbeton-Brutalismus des Brunnens im Widerspruch standen.Aber anscheinend dann doch nicht bei allen Mesnchen. Schlechte Menschen gibt es immer wieder.

Denn die Figuren und der Brunnen wurden immer wieder Opfer von Übergriffen durch Vandalen. 2005 wurde zuerst der Junge Čenda, im Jahr darauf das Mädchen Pepina abmontiert. Sie verbringen nun ein tristes Dasein in einem Depot von Prag 2, was inzwischen auch für den Wasserspeier gilt. In dieser Zeit machten sich auch weitere Verfalls bemerkbar. Wasser floss nicht mehr.

Die Pflanzenwelt überwucherte den Beton und trug zur weiteren Erosion bei. 2006 das unterste Becken wegen Baufälligkeit abgerissen. Und natürlich können Sprayer es nicht lassen, den Kaskadenbrunnen immer wieder recht kunstlos zu verunstalten.

Was heute noch zu sehen ist, könnte das Herz des Brutalismusfans immer noch höher schlagen lassen, denn die Grundidee der Anlage ist immer noch zu erkennen – ohne die Skulpturen möglicherweise sogar noch deutlicher. Aber der Verfall und die Überwucherung nehmen zu. Man würde die Kaskaden gerne wieder in Betrieb sehen. Aber dazu wird es wohl nicht kommen. Eine – wahrscheinlich recht teure – Restaurierung ist jedenfalls von der Stadtregierung von Prag 2 nicht geplant. Man sieht das Ende langsam, aber brutal kommen, wenn nicht in näherer Zeit ein Umdenken erfolgt. Vorher sollte man sich noch einmal auf den Weg über dem Brunnen begeben, um die wohl brutalistschste Aussicht der Stadt zu genießen, wie man sie oben auf dem großen Photo sieht. (DD)

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