Patriotische Sangesfreude

Neben dem Sport war es im 19. Jahrhundert nicht zuletzt die Sangeslust, mit deren Hilfe man unter dem Banner der Geselligkeit politische Ideale voranzutreiben vermochte. Das Vereinshaus des Gesangsvereins Hlahol (spolkový dům Hlahol) am Masaryk Ufer (Masarykovo nábř. 248/16) legt ein schon optisch beeindruckendes Zeugnis davon ab.

Es begann mit der Gründung eines patriotischen Männersingvereins im Jahre 1860 durch den damals sehr bekannten Opernsänger und Chorleiter Jan Ludvík Lukes. Der hatte sich der Wiederbelebung alten tschechischen Liedguts und der Schaffung neuen Liedguts im zunehmend als Fremdherrschaft empfundenen Habsburgerreich verschrieben. 1861 trat sein Verein bei der Beerdigung des Slawisten und Archivars Václav Hanka auf dem Vyšehrad erstmals unter dem Namen Hlahol (Klang) auf, was damals als angemessener Anlass galt, da man Hanka als den großen Entdecker der mittelalterlichen Handschriften Königinhofer Handschrift und Grünberger Handschrift feierte, die zu dieser Zeit als die größte, geradezu Homer übertreffende epische Dichtung der Tschechen galten. Dass Hanka sie gefälscht hatte, wusste man noch nicht. Und der Chor sang daher mit Inbrunst aus patriotischem Eifer.

Der Gesangverein, der zunächst am Anfang aus 120 Männern bestand, wurde sogleich ein Magnet für die höheren patriotischen Kreise. 1863 bis 1865 war kein Geringerer als Bedřich Smetana der Chorleiter. Ihm folgten bedeutende Musiker wie Karel Bendl und Karel Knittl. Der Begründer der tschechischen Nationalmalerei, Josef Manes, ließ es sich nicht nehmen für Hlahol das Vereinsbanner zu entwerfen. Zudem gab man sich gesellschaftlich progressiv. 1873 führte man einen gemischten Chor ein, dann 1879 zusätzlich einen reinen Frauenchor. Der große russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky war bei einem Besuch 1888 so beeindruckt von dem Chor, dass er für ihn eigens ein Chorwerk schrieb.

In den Jahren 1904 bis 1905 konnte sich der Verein sogar ein eigenes Domizil leisten, eben jenes Vereinshaus, das wir heute am Masarykufer bewundern können. Als Architekten für das fünfstöckige Gebäude in bester Lage gewann man dafür František Schlaffer und Josef Fanta (dem wir den Hauptbahnhof verdanken) – beide Spezialisten für den damals hochmodernen Jugendstil. Auch sonst geizte man nicht. Ein Staraufgebot von Künstlern (drinnen gibt es sogar Dekorationen von Alfons Mucha!) sorgte für eine bemerkenswerte künstlerische Ausstattung. Das fängt schon mit dem riesigen Keramikmosaik auf dem Giebel an, das von dem Maler Karel Ludvík Klusáček angefertigt wurde. man sieht es im großen Bild oben. Es stellt eine Allegorie auf die Musik dar. Unterhalb befindet sich der Text des zuvor erwähnen von Manes entworfenen Banners: Zpěvem k srdci, srdcem k vlasti (etwa: Zu Herzen singen, das Herz für die Heimat).

Gleichzeitig wurden auf der Höhe des zweiten Stocks vier hübsche Skulpturen mit Darstellungen von Musikanten und Tänzerinnen angebracht. Sie sind das Werk des Bildhauers Josef Pekárek (siehe auch früheren Beitrag hier). Die das ganze Gebäude überziehenden Zierdekorationen wurden wiederum von dem Architekten Karel Mottl gestaltet. Sie vermischen den Jugendstil mit Elementen der Neorenaissance, eine damals nicht unübliche Kombination.

Über dem Erdgeschoss mit bronzene Plaketten mit Portraitreliefs der ersten Chorleiter, Smetana, Bendl und Knittl. Smetana ist im Bild rechts zu sehen.

Alleine die Größe des Gebäudes verdeutlicht schon, dass es hier nicht nur um einen Übungsraum für einen großen Chor handelt. Mit seinen Gäste- und Seminarräumen war er als musikalisches Bildungszentrum konzipiert. Es wurden Wettbewerbe zur Förderung tschechischer Musiker und Musik veranstaltet. In den 1930er Jahren baute man sogar ein Radiostudio ein.

Der Verein Hlahol pflegte immer ein sehr republikanisches Tschechentum. Ostentativ sang man nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 bei der Beerdigung des letzten demokratischen Präsidenten Edvard Beneš, um ein politisches Zeichen zu setzen. Trotzdem überlebte der Chor die beiden Totalitarismen. Erst 1944 beschlagnahmten die Nazis das Gebäude für kurze Zeit für die paramilitärische Organisation Todt. Unter den Kommunisten gab es auch kein Verbot, wenngleich die Mitgliederzahlen schrumpften und die staatliche Förderung ausfiel. 1978 musste man zum Beispiel aus Kostengründen das Orchester aufgeben. Das Gebäude, das dem Verein formell nicht mehr gehörte, verfiel ein wenig. Erst mit der Samtenen Revolution und dem Ende des Kommunismus 1989 setzte ein Wiederaufschwung ein und das Gebäude wurde restituiert und dann im Jahre 2012 gründlich renoviert. (DD)

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