Nusles Nationalhaus

Ende des 19. Jahrhunderts gehörte es in jeder böhmischen Stadt zum guten Ton, einen Ort zu schaffen, wo tschechische Kultur und Geselligkeit in großen Räumlichkeiten und Sälen zelebriert werden konnte – ein Stück nationaler Selbstvergewisserung im österreichisch bestimmten Habsburgerreich.

Auch die Stadt Nusle leistete sich anlässlich der Verleihung der Stadtrechte durch die k.u.k.-Regierung im Jahre 1898 ein solches, durch Bürgerengagement entstandenes Nationalhaus (Národní dům). Nusle verlor seine kurzlebige Eigenständigkeit zwar schon wieder im Jahre 1922 durch die Eingemeindung zur Hausptstadt Prag (heute daher ganz prosaisch Prag 4), aber das Gebäude steht hier immer noch in alter Pracht und altem Glanz an der Nuselská 2/1, Ecke Čestmírova – allerdings nicht mehr als Kulturzentrum, sondern primär als Bürogebäude, in dessen Erdgeschoss die örtliche Sparkasse ihre Filiale hat.

Schon im Jahre 1897, als sich abzeichnete, dass im nächsten Jahr Nusle eigenständige Stadt werden sollte, begann der Architekt Antonín Frič mit den Plänen für das Gebäude im Stil der Neorenaissance. Der Bau symbolisierte auch architektonisch den Beginn der neuen Ära, denn mit ihm verschwanden die letzten Reste des kleinen Dorfs, das hier noch bis vor kurzem existierte. Das Nationalhaus befindet sich auf dem ehemaligen Gelände eines kleinen Bauernhofs – heute ist es quasi das urbane Zentrum Nusles.

Wie bei Nationalhäusern üblich geriet man bei der Fassadengestaltung in wilde Tschechentümelei und patriotischen Überschwang. Das kann man schon bei dem bekanntesten Prager Bauwerk dieser Art, dem Národní dům in Vinohrady (früherer Beitrag hier) von 1894 beobachten. Meist sieht man Skulpturen oder Büsten von tschechischen Mythengestalten oder wichtigen historischen Persönlichkeiten des tschechischen Kulturlebens. Das Nationalhaus in Nusle ist da keine Ausnahme. Und schon gleich oben im Giebel thront als Schutzpatron des Landes der Heilige Wenzel mit wehendem Banner und stolzem Blick.

Etwas darunter sieht man rechts die der böhmischen Sagenwelt entsprungene Seherin Libuše, die dereinst in vorgeschichtlichen Zeiten Prag eine große Zukunft weissagte, und die durch ihre Heirat mit Přemysl, für den sie ihren Anspruch auf die Herrschaft Böhmens aufgeben musste, das bis ins 14. Jahrhundert im Lande regierende Geschlecht der Přemysliden begründete – jedenfalls, wenn man der Chronica Boemorum des Mönches Cosmas von Prag aus dem 12. Jahrhundert Glauben schenkt. Diese Hintanstellung der Seherin zugunsten ihres Mannes (aus geschlechterdiskriminierenden Gründen) sollte später zu Konflikten zwischen Männern und Frauen, die ja bekanntlich sowieso nicht zueinander passen, führen. Aber die patriotische Darstellung auf der Fassade des Nationalhauses stellt die beiden als harmonierende Nationsgründer dar.

Aber damals wollte man schon nicht mehr nur in der Sagenwelt schwelgen. Über dem Eingang befindet sich ein etwas revolutionäreres Statement, nämlich die Büste von Karel Havlíček Borovský, einem Teilnehmer der 1848er Revolution, der als Publizist mit seinen radikalen Forderungen nach mehr demokratischer Mitbestimmung Böhmens so sehr bei der Obrigkeit aneckte, dass er mehrfach verbannt wurde. Der Nationalheld thront mit trotzendem Blick über dem böhmischen Löwen.

Der neu angelegte Platz vor dem Nationalhaus wurde dazu übrigens passend Rieger Platz (Riegrovo náměstí) genannt, was die revolutionäre Botschaft unterstrich. Denn František Ladislav Rieger war ebenfass 1848er-Revolutionär und wirkte lange Zeit als Abgeordneter im Reichtsag und im böhmischen Landtag für die Rechte der Böhmen im Reiche. Das ist übrigens der Grund, warum die Nazis nach 1939, denen er definitiv zu liberal war, den Platz sofort nach dem irgendwie unverfänglicheren Heiligen Method benannten. Die Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen, fanden ihn auch zu liberal, weshalb der Platz seither Platz der Brüder Synek (náměstí Bratří Synků) benannt ist – nach den Brüdern Otto und Viktor Synek, die 1941/42 als Mitglieder des kommunistischen Widerstandes von den Nazis brutal hingerichtet worden waren. (DD)

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