Alter Held am neuen Haus

Ein wenig wundert sich der alte Jan Žižka vielleicht, wohin und in welche Zeit er hier geraten ist. Denn es ist schon ein merkwürdiger Kontrast, den dieses vierstöckige Miets- und Bürohaus in der Chlumova 605/32, Ecke Koněvova, bietet: Oben funktionalistischer Modernismus in Reinform, unten historistischer Traditionalismus.

Es handelt sich um einer Gebäude für die Filiale der Prager Stadtsparkasse (Městská spořitelna pražská), das in den Jahren 1937/38 erbaut wurde. Der Architekt war Leo (Lev) Lauermann, der in der gleichen Zeit (1936-38) an einem der ultrafunktionalistischsten Gebäude der Stadt mitarbeitete, einem mehrere Hundert Meter langen rechteckigen Beton- und Stahlwohnklotz im Stadtteil Bubeneč, der zur Urmutter aller späteren Plattensiedlungen wurde, und der auch heute noch meist Molochov (Moloch – eine zunächst abwertende Bezeichnung) genannt wird.

Ein kompromissloser Modernist also, was vom ersten Stock des Hauses in der Chlumova an auch kaum unbemerkt bleiben kann. Es sind mehrere Kuben, die ineinandergeschachtelt sind. sodass zum Beispiel der größere Kubus der ersten drei Stockwerke vor dem kleinen Kubus des vierten Stocks einen Balkon ermöglicht. Und dann ist da dser dreistöckige Erker auf der Seite zur Koněvova, der wie ein aufgesetzter Kubus aussieht. Die Stahlbetonkonstruktion ist eben, glatt und weiß. Dazu passt die Steinskulptur auf Höhe des ersten Stocks, eine männliche Allegorie, die stilistisch dem modischen Zeitgeist der 1930er entspricht. Im Gegensatz zum Moloch auf der anderen Moldauseite (der die Plattenbauten der 1970er vorwegnimmt) wird hier noch die ästhetische Dimension des Funktionalismus sichtbar.

Das Parterre hingegen, das Teile eines früheren Gebäudes integriert, Mauerwerk mit Rustifizierungen, eine Arkade und runde Bögen dominieren hier die Szenerie. Und darüber sind steinerne Köpfe mit den Anlitzen von Kriegern aus den Zeiten der Hussitenkriege des 15. Jahrhunderts. Und mitten unter ihnen Jan Žižka, unschwer zu erkennen an seiner Augenklappe (großes Bild oben). Lauermann konnte wahrscheinlich gar nicht anders als die zu seinem modernen Rigorismus eigentlich nicht passenden Relikte hier beizubehalten.

Denn: Wir befinden uns ja hier im Jan Žižka benannten Stadtteil Žižkov. Das Haus steht am Fuße jenes Berges an dem der alte Recke im Juli 1420 seine erste Schlacht – die Schlacht am Vítkovberg – gewonnen hatte. Hier an diesem Ort wäre es ein besonderes Sakrileg gewesen den Helden vom Ort seines Triumphes zu entfernen. Und so bleibt uns sein Anblick und ein seltsam zusammengesetztes Gebäude an dieser Stelle erhalten. (DD)

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