Panzer hin, Panzer her, mal rosa, mal nicht…

Da ragt doch tatsächlich ein Teil eines Panzers aus der Erde! Wir befinden uns am westlichen Teil des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5), wo Kunst und Panzer schon öfters eine Symbiose eingegangen waren.

Dieses Stück Panzer hat David Černý, der zu anarchischen Provokationen neigende Bildhauer (wir berichteten schon unter anderem hierhier, hier und hier) im schönen Rasen des Platzes versenkt, so dass nur noch ein Stück hinausschaut. Das tat er mit Billigung der Smíchover Stadtregierung, denn es gab einen aktuellen Anlass. Der Tag, an dem der Künstler sein Werk hier installierte, war der 21. August 2018. Es war der 50. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings, bei dem Panzer der Sowjetunion und ihrer Verbündeten in die Stadt rollten, um die politische Liberalisierung, die sich das Regime in der Tschechoslowakei erlaubt hatte, zu unterdrücken. Dies und die Tatsache, dass Russland wieder eine expansive Politik – etwa die Annexion der Krim 2014 – betrieb, war für Černý der gegebene Anlass, dass Panzerkunstwerk hier aufzustellen bzw. einzugraben.

Nicht immer waren die Stadtoberen mit David Černýs Panzerkunst so einverstanden. Am Ostteil des Platzes stand nämlich zur Zeit des Kommunismus ein pompöses Denkmal für die Rote Armee, die 1945 die Stadt „befreit“ hatte, was aber realiter die stalinistische Diktatur im Lande einläuten sollte. Im April 1991, zwei Jahre nach dem Ende des Kommunismus und rechtzeitig zum Abzug der letzten Sowjettruppen stand das Denkmal, auf dem sich ein großer Sowjetpanzer befand, immer noch da. David Černý – noch immer über die Tyrannei der Kommunisten empört – malte darob in einer Nachtaktion den Panzer rosa an. Die Prager Behörden reagierten unpassend und humorlos und ließen den Panzer wieder in seinen Originalzustand zurückversetzen. Es gab Strafandrohungen, am Ende sogar mit einer kurzfristigen Verhaftung des Künstlers. Schließlich nutzte eine Gruppe von 15 Parlamentariern ihre Immunität und malte am hellen Tage aus Solidarität mit dem Künstler den Panzer wieder rosa an. Er wechselte noch etliche Male die Farbe. Das Parlament strich schließlich am Ende den Status des Denkmals als nationales (schützenswertes) Monument. Ende Mai wurde der Panzer – in rosa! – ins  Militär Museum Lešany, rund 20 Kilometer südlich von Prag umversetzt.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits für alle Humorvollen und Freiheitsliebenden zum Kultgegenstand geworden und Černý wurde eine Art Robin Hood im Künstlergewand. Ab und an wurde der rosa Panzer aus dem Museum geholt, um auf Tour zu gehen. 2011 durfte er auf einem Ponton (um den Asphalt zu schützen) zum 20. Jahrestag des Abzugs der Sowjettruppen über den Wenzelsplatz kurven. 2019 wurde er sogar in Stockholms Straßen vorgestellt. Selbst frühere Skeptiker waren nun mit Černý versöhnt.

Im August 2008 befand sich eines Morgens wieder ein Stück rosa Panzer auf dem Kinský Platz. So wie heute und am selben Ort ragte der Vorderteil (es wurde wohl kein ganzer Panzer eingegraben) aus dem Boden heraus. In rosa, aber kein Panzer der Sorte, die 1945 hier einfuhr, sondern einer mit dem charakteristischen weißen Streifen, der ihn als Panzer der Invasionstruppen von 1968 auszeichnete (man beging ja auch gerade den 40. Gedenktag). Nach Protesten des russischen Botschafters und des im Verdacht von starken Sympathien für die Politik von Putins Russland stehenden Ministerpräsidenten Miloš Zeman, wurde der Panzertorso anfang 2009 unter Protesten des Künstlers und Teilen der Bevölkerung wieder entfernt.

Pünktlich zum 50. Jahrestag der Invasion stellte Černý 2018 den Torso wieder auf, diesmal im originalen grün. Die bürgerliche Stadtregierung schien sich nun aber mit mehr Offenheit dem Ganzen zu nähern. Wegen des Jahrestages wurde für die Monate August und September eine Sondergenehmigung erteilt. Erstmals befand sich ein Panzerkunstwerk des Künstlers legal auf dem Kinský Platz. Am Ende gab sich der Stadtteilbürgermeister Pavel Richter einen Ruck und verlängerte die Genehmigung bis auf weiteres. Nun kann man zu jeder Tag- und Nachtzeit mit Černý der kommunistischen Tyrannei und ihrem Ende gedenken Auf seine Weise. (DD)

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