Stundenhotel im Windsor-Stil

Heute büffeln hier Schüler. Die hätte man zu anderen Zeiten wohl eher von diesem Haus, dessen Name „Miramare“ auf der Fassade prangt, ferngehalten, um die Moral junger unschuldiger Menschen nicht sündigen Versuchungen auszusetzen. Denn der Ort in der Na Výsluní 150/6 in Prag-Strašnice, wo sich heute die Weiterführende und höhere Berufsschule für Kunst und Handwerk (Střední škola a vyšší odborná škola umělecká a řemeslná; kurz: SOU) befindet, war vor Zeiten einmal als ein eher verruchter Ort verschrien.

So war es natürlich zunächst nicht geplant. Der recht stattliche, an ein Schloss erinnernde Bau im Stil der englischen Windsor-Gotik, entstand im Jahre 1907 nach Plänen des Architekten Josef Domek. Auftraggeber war ein Friseur namens Jan Švec, der beim Schneiden, Föhnen und Rasieren anscheinend so fleißig war und so viele Prominente als Kunden hatte, dass er genügend Geld für diese Rieseninvestition aufbringen konnte. Villa Miramare nannte er das geradezu gigantische Bauwerk. Name und Baustil waren inspiriert vom berühmten Castello di Miramare, dem bei Trieste gelegenen Schloss von Maximilian von Habsburg, der 1867 als Kaiser von Mexiko sein Leben ließ. Die Namensgebung hier in Prag dürfte weniger etwas mit Mexiko zu tun gehabt haben, sondern mit der Tatsache, dass Maximilian zwischen 1854 und 1861 ein zupackender Kommandant der k.k. Kriegsmarine war, der sich als großer Modernisierer erwies, und als solcher nicht nur bei der Marine, sondern generell im Habsburgerreich überaus populär war (mehr jedenfalls als bei den Mexikanern, die ihn hinrichteten).

Es handelte sich nicht um eine Privatvilla, sondern es sollte ein Luxushotel daraus werden. So ganz klappte das nie. 1909 baute man um. Der Architekt Josef A. Smolík fügte einen Weinkeller und ein Restaurant mit Sommerveranda hinzu. 1921 wurde von einem Architekten namens A. Dvořák noch ein Ausflugslokal mit Bar angebaut. Mit dieser zusätzlichen geschäftlichen Fokussierung versuchte man anständige Gelegenheitsausflügler als Kunden zu gewinnen. Denn der Hotelbetrieb hatte inzwischen eine etwas andere Richtung genommen. In der Umgebung waren zahlreiche Militärs stationiert und nach dem Ersten Weltkrieg auch Teile der Handelsmarine, die über Moldau und Elbe in Hamburg den territorial zur Tschechoslowakei gehörenden Moldauhafen als einzigen Meereszugang nutzte (ab 1953 gab es in Strašnice sogar den Sitz der Československá námořní plavba – Tschechoslowakischen Ozeanschiffereigesellschaft). Kurz: Die Art des Hotelbedarf war bei dieser Zielgruppe spezieller Art. Rundherum galt es bald als ein Stundenhotel, wo sich sittenlose Herren mit käuflichen Damen verabredeten. So heißt es jedenfalls. Auf jeden Fall blieb es als Image hängen und die entsprechende Infotafel des (übrigens ausgezeichneten!) Strašnicer Kulturwanderwegs hat es in einer sehr bildlichen Nachstellung (Bild oberhalb rechts) recht plastisch präsentiert.

Es gab in der Folge noch einige Umbauten. So wurde zum Beispiel 1937 eine Kegelbahn eingebaut. Aber die Blüte des Hotels und Restaurants ging allmählich vorüber. 1938 wurde rund 100 Meter entfernt unterhalb des auf einer Anhöhe liegenden Miramare ein neues Restaurant im funktionalistischen Stil erbaut, das Kunden abwarb – vor allem die verbliebenen „Anständigen“. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ebenfalls in der Nähe ein modernes Großhotel gebaut, das heute Fortuna City heißt. Das Militär reduzierte sich in der Umgebung auch, was den entsprechenden Bedarf an Stundenhotelkapazität minderte. Der Pleitegeier kreiste oben in der Luft…

1948, im Jahr der kommunistischen Machtergreifung, übernahm die Stadtregierung das Gebäude. Das tat dem Gebäude, das doch recht beindruckend war, nicht sonderlich gut. 1957 wurden einige Teile, darunter ein großer Saal, abgerissen. 1979 fúhrte der Machinenbaukonzern ČKD größere Umbauten durch, um hier eine Ausbildungsstätte für Lehrlinge einzurichten, die im Jahr darauf eröffent wurde. Dabei gingen innen viele und außen manche feine schnörkelige Architekturdetails zu Bruch. Immerhin war aber der Grundstein zu einer anderen Nutzung des Gebäudes gelegt. So, wie es nun war, konnte hier nach wenigen Umbauten 1997 ein anderer Bildungsbetrieb einziehen, nämlich die bereits erwähnte Kunst- und Handwerksschule SOU. Ja, die Nachkriegszeit hat dem Gebäude übel mitgespielt und manches schöne Detail ging verloren, seitdem es als (Stunden-) Hotel ausgedient hat. Aber mit seinen Zinnen und nach nunmehr sorgfältiger Renovierung kann man sich dem Bann des Bauwerks nicht entziehen, das zu den bemerkenswertesten Windsorstil-Häusern der Stadt gehört. (DD)

PS: Die Urenkelin von Jan Švec, Jana Garbová, die hier noch bis zum Einzug der ČKD 1980 wohnte, hat 2016 in einem Beitrag energisch bestritten, dass ihr Urgroßvater hier ein Stundenhotel betrieben oder auch nur unsittliches Treiben erlaubt hätte. Er sei ein großer Patriot, engagierter Stadtrat und anständiger Mensch gewesen. Die üblen Gerüchte seien erst in den 1950er Jahren entstanden – vermutlich als Folge von Fernsehsendungen, die so etwas verbreiteten. Die Mehrheit der Lokalhistoriker scheint sich dem nicht anzuschließen – möglicherweise, weil die Geschichte vom Stundenhotel ganz klar die lustigere Story ist, selbst wenn sie nicht unbedingt die wahre ist. Wie heißt es so schön am Ende des Western-Films The Man Who Shot Liberty Valance? „When the legend becomes fact, print the legend.“ Jedenfalls: Aus diesem Streit halten wir uns schön heraus. (DD)

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