Wo heute Hoheiten nächtigen

Das Haus von Liechtenstein hat in Tschechien ein historisches Imageproblem. Es war Karl I. von Liechtenstein gewesen, der im Dienste der Habsburger am 21. Juni 1621 auf dem Altstädter Ring die Anführer des Ständeaufstandes von 1618 hinrichten ließ und den Böhmen damit vor Augen führte, dass es mit ihrer Freiheit nun vorbei war. Er selbst vergrößerte seine böhmischen Besitzungen durch das konfiszierte Eigentum der Besiegten. So richtig gerne erinnert man sich seiner hierzulande nicht.

Und trotzdem heißt der Palais Liechtenstein (Liechtensteinský palác) in der U Sovových mlýnů 506/4 auf der Kampa Insel der Kleinseite direkt am Ufer der Moldau tatsächlich noch Palais Liechtenstein – obwohl er nicht einmal von den Liechtensteinern erbaut wurde und ihnen im 19. Jahrhundert auch nur recht kurz gehörte. Warum denn nicht Palais Kaiserstein? Denn es war Franz Helfried von Kaiserstein, der den barocken Palast im Jahre 1696 von dem Architekten Giovanni Battista Alliprandi an Stelle zweier kleinerer Gebäude aus dem 16. Jahrhundert erbauen ließ. Der begabte Architekt dachte sich jene unregelmäßig sechseckige Grundrissform aus, die man von der Moldauseite als solche kaum wahrnimmt. Zudem gab er dem Palast einen Bootstunnel, der vom Fluss nach innen führte, der aber bei späteren Umbauten leider verschwand.

Oder warum nicht Palais Kustoš von Zubří? Denn 1729 kaufte Ferdinand Adam Kustoš ze Zubří, der erst 1725 von Kaiser Karl VI. in den böhmischen Grafenstand erhoben worden war und sich jetzt ein diesem Stande gemäßes Domizil suchte, das Gebäude für 24.000 Gulden. Er behielt es aber aus Geldnot nur 12 Jahre.

Oder warum nicht Palais Kolowrat? Denn 1741 ging das Gebäude mit der schönen Lage bei einer Auktion an das Geschlecht der Grafen Kolowrat über. Die behielten es immerhin für rund 90 Jahre. Dann verkaufte es Franz Anton von Kolowrat-Liebsteinsky, der übrigens ein liberaler Gegenspieler Metternichs war und bei der Revolution von 1848 (leider nur kurz) der erste konstitutionelle Ministerpräsident Österreichs war, im Jahre 1831 wieder. Und der neue Besitzer wurde Fürst Johann I. Josef von Liechtenstein. Und ihm verdankt der Palast nun seinen heutigen Namen: Palais Liechtenstein.

Nun war Johann I. Josef kein Karl, und tat sich hierzulande nicht mit Hinrichtungen, sondern eher als Kunstmäzen und in seinen mährischen Ländern als Agrarreformer hervor. So scheint er dem Misstrauen der Tschechen effektiv entgegengewirkt zu haben. Außerdem brachte er das Wappen des Hauses Liechtenstein in Stein gemeißelt über dem Portal an – eines der wenigen Insignien der Familie, die man in Prag findet. Zusätzlich nahm er noch einige bauliche Veränderungen vor, unter anderem den Abriss von zwei Türmen, die zu Alliprandis Ursprungsbau gehörten. Aber letztlich gehörte der Palais den Liechtensteinern auch nur 33 Jahre.

Inzwischen war das bürgerliche Zeitalter angebrochen und ein Nachfahre des Fürsten verkaufte das Anwesen 1864 nunmehr an einen Bürgerlichen, nämlich František Odkolek, dem Besitzer der nebenan gelegenen Sova-Mühle, in der sich heute das Kampa Museum für moderne Kunst befindet. Der ließ erst einmal den mittlerweile etwas heruntergekommenen Palast von seinem Baumeister František Srnec kräftig umbauen. Es wurde ein Stockwerk hinzugefügt und die Fassade – vor allem die Fenster – von Barock auf Klassizismus umgestellt. Wie dem auch sei: Obwohl er damit den Gesamteindruck des Gebäudes mehr als andere geprägt hat, käme irgendwie niemand auf die Idee, das Gebäude Palais Odkolek zu nennen. Es blieb bei Palais Liechtenstein.

Odkolek vermietete das Gebäude ab 1873 eine zeitlang an die Deutsche Technische Hochschule Prag. Aber schon 1897 gaben seine Nachkommen wegen einiger wirtschaftlicher Probleme – die Mühle hatte durch ein Feuer große Schäden genommen – das Gebäude wieder ab und verkauften es an die Stadt Prag. Die betrieb dort erst einmal eine Grundschule. Die Nazis beutzten den Palais 1940-45 als Hauptquartier der lokalen NSDAP und verwendeten die Gartenanlage daneben als Übungsplatz für die Hitlerjugend. Danach kam das Gebäude wieder unter die Obhut der Stadt, später dann übernahm der tschechoslowakische Staat das Ganze, um einige Behörden hier unterzubringen. Zwischen 1982 und 1991 wurde der Komplex, nun im Besitz des Präsidialamtes, zu einem hochrangigen Gästehaus der Regierung für ebenso hochrangige Staatsbesucher. Königin Elizabeth II. samt Prinzgemahl Philip und Sohn Charles oder der japanische Kaiser Akihito mit Kaiserin Mikoiko gehören zu denen, die hier nächtigen durften. Wo Hoheiten nächtigen, ist der Zugang für Normalsterbliche meist untersagt. Deshalb ist das Innere des Palais Liechtenstein normalerweise für Touristen nicht zu besichtigen. (DD)

PS: Wenn man den ungewöhnlichen Grundriss in Form eines unregelmäßigen Sechsecks deutlich erkennen will, kann man das wohl am besten, wenn man auf den Petřín-Berg steigt, wo man den Palast von oben sehen kann…

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