Friedhofskapelle mit dramatischer Geschichte

Etwas verloren steht sie da am Fußes des Vítkovberges im Stadtteil Karlín, die kleine Kapelle – dort wo einst so viele Soldaten ihre letzte Ruhestätte fanden. Aber immerhin in vorbildlich renoviertem Zustand. Dadurch sieht man ihr ihre dramatische Geschichte nicht an, die nun hoffentlich ihr glückliches Ende gefunden hat.

Um diese Geschichte zu verstehen, muss man wissen, dass Karlín bis 1817 außerhalb der Stadt lag. Erst danach wurde das Areal als Vorstadt Prags (damals unter dem deutschen Namen Karolinenthal) erschlossen. Zuvor herrschte hier fast ausschließlich das Militär. Es gab unzählige riesige Kasernen und vor allem die alte, 1737 fertiggestellte Invalidenanstalt (Invalidovna) für verarmte und behinderte Veteranen (wir berichteten hier), die 1984 ein Drehort für den Mozartfilm Amadeus werden sollte. Und Soldaten sterben nun einmal – so oder so. Und deshalb gab es hier in Karlín natürlich auch einen großen einen Soldatenfriedhof.

Die Kapelle des Soldatenfriedhofs von Karlín (Kaple vojenského hřbitova v Karlíně), die der Jungfrau Maria gewidmet ist, ist heute der einzige sichtbare Überrest des alten Friedhofs. Sie wurde 1753 bei der Anlage des Friedhofs erbaut. Es handelt sich um ein einfaches Barockgebäude mit rechteckigem Grundriss und abgerundeten Ecken, die mit Eckpilastern ausgestattet sind. Auf dem Tunnelgewölbe befindet sich ein kleiner Glockenturm.

Im Juni 1813 wurde hier der preußische Reformpolitiker und General Gerhard von Scharnhorst aufgebahrt, der gerade aus Wien von politischen Verhandlungen auf dem Weg nach Berlin hier in Prag an den Folgen einer Verletzung erlegen war, die er sich bei der Schlacht bei Großgörschen im Mai gegen Napoleons Armee zugezogen hatte. Der Leichnam wurde kurz darauf in den Berliner Invalidenfriedhof überführt. Überhaupt schienen die Napoleonischen Kriege die Zeit gewesen zu sein, in der sich der Friedhof besonders schnell füllte. Aber auch die Revolution von 1848 und der Krieg gegen Preußen 1866 forderten ihren blutigen Zoll.

Im späten 19. Jahrhundert hatte sich Karlín zu einem großen Industriestandort entwickelt. Fabriken schossen nur so aus dem Boden. Das Militär war weitgehend abgezogen und man brauchte Platz. 1894 beschloss der Stadtrat, dass der Friedhof aufgelöst werden solle, was dann 1906 umgesetzt wurde. Viele der sterblichen Überreste wurden ausgegraben und in ein Sammelgrab im Olšany-Friedhof in Žižkov (Prag 3) neu beerdigt. Auch das dortige Kriegsgrab für Soldaten der Schlachten von Dresden und Kulm (Válečný hrob vojáků z bitev u Drážďan a Kulmu), das den russischen Soldaten gewidmet war, die 1813 im Kampf gegen Napoleons Armeen gefallen waren, befand sich zunächst hier in Karlín (wir berichteten hier).

Für die Kapelle, die nach der Friedhofsauflösung etwas zweckentleert weiterhin existierte, begann eine schlimme Zeit. Die Gemeinde verkaufte sie 1917 an eine der Maschinenfabriken der Umgebung. Im Lauf der Zeit entleerte man sie, um ein Dieselaggregat einzubauen, und umbaute sie mit Silos und Lagergebäuden. Das sah schrecklich aus. 1964 erbarmte man sich und stellte das Gebäude unter Denkmalschutz, aber erst 1976 begann man auf Druck von Bürgerprotesten mit dem Abbau der Industrieanlagen und einer vorsichtigen Renovierung, wobei man feststellte, dass die wohl recht robust gebaute Kapelle die Tortur leidlich überstanden hatte.

2001 wurden Kapelle und umliegende Grundstücke an einen Immobilieninvestor verkauft. Dem machte man Auflagen – vor allem, dass die Kapelle wie geschniegelt restauriert werden sollte, und dass drumherum ein kleiner Park in Erinnerung an den alten Soldatenfriedhof angelegt werden müsse. Darin hat er sich gehalten. Alles ist proper hergerichtet – keine Frage! Ein Rätsel gibt ein kleiner weißer Katzenkopf auf, der über der Tür angebracht ist, aber der mag ein Werk von Scherzbolden sein, vor denen auch solch eine leidgeprüfte Kapelle nicht gefeit ist. (DD)

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