Vítkovberg untertunnelt

Wie eine große natürliche Barriere trennt er die Stadtteile Žižkov und Karlín. Und steil ist er. Man kann verstehen, wieso hier am Vítkovberg (Veitsberg) damals, im Jahre 1420, die Hussiten unter ihrem Anführer Jan Žižka bei der Schlacht am Vítkovberg sich so gut gegen das eigentlich überlegene, aber schwer gerüstet bergauf kämpfende Kreuzritterheer durchsetzen konnten. Dem heutigen Fußgänger, der ja auch meist in friedlicher Absicht kommt, hat man es einfacher gemacht als den Rittern – und zwar durch zwei Tunnel.

Tunnel 1: Heute fahren die Eisenbahnen, die den Prager Hauptbahnhof Richtung Nordosten verlassen, ausschließlich an der Nordseite des Berges (teilweise durch Tunnel) entlang. Das war nicht immer so, denn in den Jahren 1870 bis 1872 baute die k.k. privilegierte Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn (TKPE) eine Strecke, die Prag mit dem späteren Stadtteil Vysočany verband. Die – obwohl zweispurig geplant – recht enge Strecke führte zunächst ein ganzes Stück an der Südseite des Berges entlang bevor sie oberhalb der heutigen Route parallel zu dieser weiter verlief. Dazu musste sie durch einen über 304 Meter langen Tunnel hindurch. Die Strecke wurde 1926 um eine Verbindung nach Prag Libeň ergänzt und kurz darauf elektrifiziert. Als Eisenbahndurchfahrt diente der Vítkov-Tunnel immerhin bis in das Jahr 2008.

Dann war Schluss und man dachte zuerst daran, den Tunnel einfach zuzumauern. Einige kleine Streckenwärtergebäude wurden abgerissen. Ein vorausschauender Ratsherr hatte jedoch schon 2006 Pläne vorgestellt, dass man die Trasse samt Tunnel für Fussgänger ud Radfahrer öffnen könne. Das setzte man am Ende auch um, sodass im Juni 2010 der Wander- und Radweg fertiggestellt war. Nach einigen Eigentumsstreitigkeiten und bürokratischen Komplikationen wurde er im November des Jahres eröffnet. Der seit 2014 offiziell Alter Vítkov-Tunnel (Starý Vítkovský tunel) genannte Tunnel ist nun ein Paradies für Ausflügler, die Richtung Nordosten wollen (großes Bild oben). Eine direkte Verbindung in das Herz von Karlín bietet der Tunnel aber nicht.

Dafür gibt es Tunnel 2: Den mit 303 Metern nur einen Meter kürzeren Žižkov-Tunnel gibt es seit 1951. Mit seiner Breite zwischen 4,40 und 4,80 Metern und einer Höhe von rund 3,90 Metern sieht man ihm sofort an, dass hier nie Eisenbahnen fuhren. Den rund 29,9 Meter Höhenunterschied vom Eingang an der Thámova (Bild links) in Karlín zur Husitska in Žižkov geht man durch einen genuinen Fußgängertunnel. Als er erbaut wurde, hatte er aber noch einen Nebenzweck. Für den könnte er auch heute wieder eingesetzt werden, aber hoffentlich benötigt man ihn nie dafür. 1951, in den Zeiten des Kalten Kriegs, war der Atomkrieg eine reale Gefahr. Man traf Vorsorge zum Schutz er Bevölkerung. Und deshalb führen die unscheinbaren kleinen Stahltüren, die man ab und an passiert, zu einer Bunkeranlage für 1200 Menschen, die aber nicht mehr zugänglich ist. Eine fast 50 Meter dicke Felsschicht hätte natürlichen Schutz (verstärkt durch Beton) geboten. Drinnen war für alles gesorgt – von der Luftversorgung bis zur Leichenaufbewahrung.

Aber letztere wurde gottlob nie gebraucht. Und wird ein Teil der Anlage (ebenfalls für Besucher nicht geöffnet) von Physikern als Laboratorium genutzt. Seit 1992 ist Tschechien Mitglied europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) und man experimentiert hier mit einer kleineren Version eines Teilchenbeschleunigers. Wie sehr die Teilchen da wirklich beschleunigt werden, weiß man als Laie nicht, aber der Tunnel beschleunigt den Weg zwischen Karlín und Žižkov tatsächlich erheblich.

Seit 2008 organisiert ein lokaler Sportverein jeden April einen Tunnellauf, bei dem beim ersten Mal ganze sieben Läufer teilnahmen. Im nächsten Jahr waren es schon 46. Wenn das Wachstum in dieser Rate anhält, könnte das irgendwann eines der großen Sportereignisse Tschechiens werden.

Ach ja, der Rat der Stadt Prag hat ihm zwar 2014 auf den Namen Žižkov-Tunnel qua Beschluss zugeteilt, aber für die Bewohner Karlíns ist er natürlich der Karlín-Tunnel (Karlínský tunel). Trotz der bequemen Verbindung, die der Tunnel schafft, muss man auch ab und an das Trennende betonen dürfen, oder? (DD)

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