Ukrainischer Nationaldichter, auch in Prag beliebt

Am südlichen Rand des Kinský Platzes (Náměstí Kinských) im Stadtteil Smíchov (Prag 5) steht sein Denkmal: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko. Der wird in der Ukraine als der große Nationaldichter schlechthin gefeiert.

Ein Denkmal hat er sich schon deshalb verdient, weil seine künstlerische Entfaltung als Maler und Literat unter den schweren Bedingungen der russischen Zarenherrschaft stattfinden musste. Er wurde 1814 noch in Leibeigenschaft geboren und konnte nur deshalb die Künste erlernen, weil sein Herr und Gebieter zufällig sein Talent erkannte (nachdem er ihn erst wegen seiner heimlich betriebenen Malerei auspeitschen ließ) und irgendwann die Idee gut fand, einen echten Künstler als Leibeigenen zu besitzen. Immerhin durfte Schewtschenko ab 1831 in St. Petersburg recht frei bei den dort lebenden Künstlern lernen, die schließlich eine Kunstauktion veranstalteten, um ihn zu einem maßlos hohen Preis freizukaufen, was nur mit Hilfe einer Spende der Zarenfamilie im Jahre 1838 gelang. Ab 1840 wandte er sich neben der Malerei auch der Dichtung zu, u.a. mit dem Gedichtband Kobsar, der ihn berühmt machte. Es war das erste größere literarische Werk der neueren ukrainischen Sprache, die im Zarenreich nicht als Sprache, sondern als primitiver Dialekt galt, und deren Verbreitung man zu unterdrücken trachtete. Es folgten andere erfolgreiche Werke, etwa das Gedicht Hajdamaken von 1841 (das später Modest Mussorgsky vertont wurde).

1846 trat er der Kyrill-und-Method-Bruderschaft bei, einer liberalen Vereinigung von Intellektuellen, die sich um die Reifung eines ukrainischen Nationalbewusstsein bemühte und für die Abschaffung der Leibeigenschaft (mit friedlichen Mitteln) kämpfte – die er erst 1861, eine Woche vor seinem Tode, erleben durfte. 1847 wurde er deshalb verhaftet und verurteilt, lebenslang zwangsweise als einfacher Soldat in der Zarenarmee zu dienen. Zar Nikolaus I. fügte dem Urteil noch handschriftlich zu, dass ihm die Malerei und das Schreiben fortan verboten seien. Er hatte Glück im Unglück, denn einige Offiziere waren von ihm und seinem Talent so angetan, dass er als Begleitsoldat für Forschungsexpeditionen, etwa zum Aralsee, eingesetzt wurde und das Malverbot als „wissenschaftlicher Skizzenzeichner“ umgangen werden konnte, was zu einigen seiner schönsten Landschaftsdarstellungen führte.

Als Nikolaus I. 1857 starb, erreichten Freunde seine Freilassung. Er wollte sich in der Ukraine niederlassen und suchte wieder Kontakt zu regimekritischen Intellektuellen und polnischen Unabhängigkeitskämpfern. 1859 wurde er darob wieder verhaftet, aber schon kurz darauf Dank des Wohlwollens des Gouverneurs wieder entlassen. 1861 starb er in Sankt Petersburg und wurde dort unter Teilnahme vieler Schriftstellerkollegen, darunter Fjodor Dostojewski, beerdigt. Nur wenige Wochen später wurde das Grab geöffnet und der Sarg nach Kaniw, einer ukrainischen Stadt am Dnjepr überführt, wobei tausende von Ukrainern die Straße in Ehrfurcht säumten. Wie er es sich in seinem Gedicht Sapowit (Das Vermächtnis, 1845) gewünscht hatte, wurde er am Ufer des Flusses begraben.

Aber warum steht sein Denkmal ausgerechnet in Prag? Nun, in Prag wurden 1876 zum ersten Mal seine Werke unzensiert veröffentlicht, was im Zarenreich nicht möglich war. Deshalb war es auch ein ukrainischer Bildhauer, Valentyn Znoba, der das Werk für die Prager in dankbarer Erinnerung an die damalige Prager Toleranz schuf. Die Skulptur wurde in Anlehnung an ein frühes Selbstportrait Schewtschenkos aus dem Jahr 1840 entworfen und gestaltet.

Kein Geringerer als der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko weihte das Denkmal im März 2009 ein. Die Prager begleiteten dies mit viel Sympathie, denn Juschtschenko galt damals als ein Garant der Demokratie in der Ukraine und für die Unabhängigkeit des Landes. Ein Giftanschlag auf ihn im Jahre 2004, so vermutet man, ging auf das Moskauer Konto. Da war Solidarität der Tschechen gefragt. Zudem leben viele Ukrainer im Lande. Sie stellen 30% der hier lebenden Ausländer und sind somit die größte Gruppe unter ihnen. In Prag rechnet man mit einem satt zweistelligen Anteil an der Bevölkerung. Auch historisch fühlt man sich mit der Ukraine verbunden, gehörte doch die Karpatenukraine in der Zwischenkriegszeit zut Tschechoslowakischen Republik. Jedenfalls steht Schewtschenko hier am Kinský Platz nicht so unerwartet, wie man es zunächst annehmen müssen. Und die hiesigen Ukrainer lieben ihn sowieso und überhäufen das Denkmal mit Blumen und Schmuckbändern in den Landesfarben blau und gelb. (DD)

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