Venezianische Renaissance für den Industriellen

Die Neorenaissance war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mithin der bestimmende Stil in Prag. Es gab ihn in verschienen Variationen. Der tschechische Patriotismus gebot meist die Nachempfindung des böhmischen Renaissancestils – Beispiele hier und hier -, aber manchmal finden sich auch Beispiele für einen schlichten und wenig überladenen venezianischen Stil.

Eines davon ist der Lannův palác (Lanna Palast) in der Havlíčkova 1380/1, Ecke Hybernská in der Neustadt, gleich gegenüber des Masaryk Bahnhofs. Der Dombaumeister Josef Kranner (siehe auch hier) hatte für das zweistöckige Haus die Pläne geliefert, die von dem Baumeister und Architekten Jan Ripota in den JAhren 1857 bis 1859 umgesetzt wurden. Aber wirklich zu einem bemerkenswerten Gebäude wurde der Palast durch die Fassadengestaltung, für die sich der Architekt Vojtěch Ignác Ullmann verantwortlich zeigte, den wir u.a. schon hier und hier vorstellten, und der geradezu ein Spezialist für Neorenaissance-baukunst war.

Die Fassade besticht dadurch, dass sie die Strukturierung der Fassade durch das rustifizierte Erdgeschoss, die Fenster mit Rundbögen und das gezahnte Gesims für sich wirken lässt. Nur über den Fenstern im ersten Stock gibt es eher zurückhaltend gestaltete florale Stuckarbeiten. Dass Erdgeschoss und Gesims weiß und die beiden Stockwerke in roter Ziegelnachahmung gestaltet sind, verstärkt dies Strukturierung.

Erbaut wurde das Gebäude als Wohnpalast für Karl Adalbert Lanna, eine der großen Industriellefiguren Böhmens im Zeitalter der Industriellen Revolution. In den 1830 Jahren war er Betreiber der Pferdeeisenbahn Budweis–Linz–Gmunden, um 1846 in Kladno in die Kohle- und Eisenidustrie groß einzusteigen. Später erwarb er sich einen Ruf als Erbauer von Brücken, von denen unter anderem die Kettenbrücke in Stádlec als Denkmal überlebt hat. Der Kaiser erhob ihn bald in den RItterstand ob seiner Leistungen. Nach Lannas Tod 1866 ließ sein gleichnamiger Sohn das Gebäude innen durch die Architekten Anton Viktor Barvitius und Josef Schulz, die aber den Grundcharakter des Hauses nicht veränderten.

Der Familie Lanna gehört der Palast heute nicht mehr. Stattdessen gibt es hier viele Büros und im Erdgeschoss verschiedene Geschäfte. 1958 wandelte man an der Straßenecke die Rundfenster in eine Arkade um, was Architekturhistoriker leise aufheulen ließ. Aber inzwischen hat man damit zu leben gelernt und der Gesamteindruck des Lanna Palastes ist dadurch nicht wesentlich geschmälert. (DD)

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