Erst Festungstor, dann Zollstelle

Der Vyšehrad – der legendäre Geburtsort Prags und mittelalterliche Urburg des Herrschergeschlechtes der Přemysliden wurde Mitte des 17. Jahrhunderts in eine für damalige Zeiten moderne barocke Festung umgewandelt. Das war nicht zuletzt eine Folge des letzten schwedischen Angriffs auf Prag während des Dreissigjährigen Krieges im Jahre 1648, der schwere Mängel bei der Verteidungsfähigkeit der Stadt offengelegt hatte.

Zum Norden und Westen wurde die starke Ummauerung noch durch steile Berg- und Felsabhänge natürlich verstärkt. Zum Südosten hin machte die flache Hochebene von Pankrác den Aufmarsch feindlicher Truppen leichter. Deshalb gab es zwei Verteidigungsringe und somit zwei Tore, die passiert werden mussten, wollte man auf das Burggelände. Das Tábor Tor (Táborská brána) ist das äußere der beiden Tore.

Das wurde 1655 unter der Leitung des Festungskonstrukteurs und Obersten Giuseppe Priami erbaut, nachdem Kaiser Ferdinand III. 1653 den Ausbau der Festungsanlagen angeordnet hatte. Rund 300 Meter weiter innen befindet sich dann das Leopold-Tor des zweiten Verteidigungsrings, über das wir bereits berichtet haben. Außer der Beschießung der Burganlage während des Österreichischen Erbfolgekriegs und der anschließenden kurzen Besetzung durch die Franzosen erlebte das Tábor Tor gottlob nie den kriegerischen Ernstfall. 1866 wurde der Vyšehrad wieder „zivilistisch“, d.h. er verlor seinen Status als Festung.

Aber das Tor war ja gut ausgestattet mit mehreren Räumen für den wachhabenden Offizier und seine Schützen. Jetzt konnten sich vor allem Zollbeamte hier ein gutes Leben machen. Durch das Tor mussten Handelsgüter, die von draußen nach Prag geliefert wurden. Zwischen 23 Uhr abends und 4 Uhr morgens schlossen die Zöllner die Pforte, dazwischen wurde kassiert. Aber auch das legalisierte Raubrittertum der Wegezölle fiel irgendwann und seitdem ist das Tor hauptberuflich mehr oder weniger ein Kulturdenkmal. Als solches erstrahlt es in seiner schlichten frühbarocken Pracht (das Leopold Tor ist wesentlich schmuckvoller, aber auch weniger stark befestigt). Die schmiedeeisernen Tore wurden allerdings im 19. Jahrhundert ergänzt.

Das Tor präsentiert sich als ein recht tiefer Tunnel, der durch die Mauer und die dahinter liegende Erdaufschüttung führt. Die Durchfahrt ist ausgesprochen eng, weshalb es im 19. Jahrhundert zu vielen Unfällen mit Pferdefuhrwerken kam. Diesem Risiko wollte man irgendwann den nunmehr hier sich tummelnden Touristen nicht zumuten. 1931 grub man neben dem Tor einen Durchstich mit einem zusätzlichen unbefahrenen Gehweg. Nicht nur sicher ist das Tor geworden, sondern auch blitzblank, denn 2002/03 erfolgte eine gründliche Renovierung. (DD)

PS: Wer von außen reinkommt, sollte auf die Ritzen achten, die sich unten am Torbogen befinden. Man kann sie bei genauem Hingucken auf dem großen Bild oben sehen. Hier haben die Wachsoldaten ihre Säbel geschliffen.

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