Wo Hermes prangt

Der Gott Hermes war für die alten Griechen der Beschützer des Handels (und der Diebe, aber das spielt hier jetzt keine Rolle). Wen wundert es, dass sein geflügeltes Konterfei gleich über dem Portal der alten Tschechoslowakischen Handelsakademie (Českoslovanská akademie obchodní) in der Resslova 1780/8 (Neustadt) prangt?

Die wurde schon 1872 gegründet – allerdings an einem anderen Standort nahe des Hauses bei Rott (Dům U Rotta) am Malé náměstí nahe des Altstädter Rathauses. Unter dem ersten Rektor, Emanuel Tonner, gab es 135 Schüler, die damals satte 120 Goldstücke für den Unterricht zahlen mussten. Die Nachfrage war so groß, dass man 1882 auf dem kurz zuvor aufgelassenen Gefängniskomplexes nahe der Kirche des Heiligen Wenzel von Zderaz (Kostel sv. Václava na Zderaze), über den wir hier berichteten, ein neues und großes Gebäude errichtete – eben das hier vorgestellte. Der Architekt war der Baumeister Václav Nekvasil, der es in einem feinen Neorenaissancestil erbaute, der harmonisch zu dem antiken Hermes passt.

Die Handelsakademie erwies sich als ein sehr fortschrittliches Institut. Schon im Semester 1906/07 wurden erstmals 49 Mädchen zum Studium zugelassen, die nicht nur als Heimchen am Herd enden, sondern beruflich in bisherige Männerdomänen eindringen wollten. Das passte auch „geographisch“, da schon 1896 der Böhmische Frauen-Erwerb-Verein (Ženský Výrobní Spolek Český) genau auf der anderen Straßenseite (Resslova 1940/5) seine Schule für Mädchen aus armen Elternhäusern aufgemacht hatte, worüber wir bereits hier berichteten. Der progressive tschechische Geist war den Bürokraten der Habsburgermonarchie in den Zeiten des Ersten Weltkriegs suspekt. Lehrbücher wurden verboten, einige Lehrer verhaftet. Nur Notunterricht lief noch. In der Ersten Republik wuchs die Akademie zwar, aber die Planungen für ein neues Haus andernorts liefen schleppend. Als 1939 die Nazis kamen, wurde der Betrieb erst einmal bis 1945 gewaltsam geschlossen, weil er als Hort des Widerstands galt. Die Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 stieß bei den Studenten ebenfalls auf Protest. Viele beteilgten sich an dem Demonstrationsmarsch von Studenten zum Präsidentenpalast, der von der bereits kommunistisch unterwanderten Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. Mehrere Professoren wurden entlassen, 17 Studenten und 2 Professoren wurden vor Gericht gezerrt, etliche von ihnen zur Zwangsarbeit in die Uranminen geschickt. Andere konnten noch in den Westen fliehen. Der Lehrplan wurde auf Marx/Engels umgestellt und man durfte keine „unabhängigen Unternehmer für kapitalistische Unternehmen“ mehr ausbilden. Um die Sache abzurunden, wurde die Akademie in Hochschule für Wirtschaft umbenannt.

Auf der anderen Straßenseite erfolgte währenddessen die Gleichschaltung und dann 1971 die Auflösung des Frauen-Erwerb-Vereins. Dessen Gebäude wurde 1961 enteignet und der Handelsakademie übergeben, die dorthin umziehen musste. Der Umzug, so vermerkte man damals bitter, war eine Zwangsaktion und kostete die Akademie auch mehr als das beschlagnahmte Vermögen des aufgelösten Vereins hergab. Und populär wurde der Kommunismus hier nie. 1989 bildete sich mit der Samtenen Revolution ein Bürgerforum von Studenten und Professoren, das nach Kräften beim Sturz der Tyrannei mithalf und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht forderte. Am Ende konnte man doch auf eine schöne Tradition zurückblicken, die sich 1993 auch in dem Beschluss wiederspiegelte, den alten Namen – Tschechoslowakische Handelsakademie – wieder einzuführen, obwohl es seit dem 1. Januar dieses Jahres gar keine Tschechoslowakei mehr gab.

Und auch das Gebäude erinnert immer noch an die gute ale Zeit. Das ist der Hermes, der über dem Portal ist, aber auch der Hermes, den man oben im Giebel bewundern kann, oder die zahlreichen anderen skupturalen Elemente in einem feinen Jugendstil, der sich perfekt in die Neorenaissance-Fassade einschmiegt. Dazu passt auch der jugendstilige Schriftzug průmyslobchodpeněžnictví (Industrie, Handel, Finanzen) über dem ersten Stock.

An der Fassade im Erdgeschoss befindet sich auch noch eine Gedenktafel mit Portraitreflief für den Dichter Josef Václav Sládek, der sich als Übersetzer der Werke Shakespeares, Byrons und Hawthornes hervorgetan hatte, und von 1872 bis 1900 in der Handelsakademie als Englischlehrer wirkte. Der intellektuelle Horizont des Hauses reichte wohl immer über die bloße Ökonomie hinaus.

Das Hauptgebäude der Akademie liegt immer noch gegenüber im aten Gebäude des Frauen-Erwerb-Vereins, aber hier wurde die weiterführende Berufschule und die Business Academy (Českoslovanská akademie obchodní dr. Edvarda Beneše) untergebracht, die der Akademie angeschlossen sind. Die Kontiunität der Nutzung des Gebäudes ist also gewahrt. (DD)

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