Knuffiger Hund

Hat die Erbauer des Hauses seinem eigenen Hund hier ein Denkmal gesetzt? Oder sollten hier nur allgemein die Tugenden der Spezies der Canidae gepriesen werden? Klar ist nur, dass dieses Relief eines gemütlich fläzenden Hundes über dem Eingang des fünfstöckigen Miets- und Wohnhauses in der Gorazdova 1995/11 im Süden der Neustadt den hundenärrischen Tschechen immer noch aus dem Herzen sprechen dürfte.

Wie die ganze Fassade, so ist auch die Hundeskulptur in feinstem Jugendstil gehalten, was man besonders schön an den Ornamenten erkennen kann, die die putzige Fellnase umrahmen. Das Haus entstand in den Jahren 1907/08 nach den Plänen des Architekten Jan Petrák, der auch das direkt daneben liegende Haus (Nr. 1996/13) gestaltet hatte (wir berichteten hier). Petrák ist einer der weniger bekannten, aber nichtsdestoweniger bedeutenden Architekten des frühen, sogenannten floralen Jugendstils in Prag.

Das reich verzierte Haus hat eine durch zwei sich vom ersten zum fünften Stock ragenden Erker strukturierte Fassade, die oben und unten durch Balkone verbunden sind, die mit schnörkeligen Metallgittern geschmückt sind. Petrák war übrigens nicht nur der Architekt, sondern auch der stolze Besitzer des Hauses. War es möglicherweise sein Hund, den wir da sehen? Das lässt sich allerdings wohl nur schwer überprüfen. Aber denkbar ist es natürlich schon.

Über dem Hund sieht man links und rechts ein Fenster umrahmend eine Frauen- und eine Männergestalt. Sie sehen aus, als ob sie zum dem Hund (Herrchen? Frauchen?) gehören. Beide tragen historisierende Kostüme, die ein wenig an Trachten aus der Zeit der Hussiten erinnern mögen. Das war ein thematisches Sujet, das in der Zeit des Baus des Hauses unter Tschechen sehr beliebt war und als Zeichen von Patriotismus galt. Manchmal spielten in dieser Zeit solche Darstellungen auf neueren Fassaden auf die Geschichte früherer Häuser an, die an diesem Ort fanden (ein Beispiel präsentierten wir bereits hier), aber dafür habe ich keinen Beleg gefunden.

Wo wir gerade bei den skulpturalen Elementen der Fassadengestaltung sind: Oben auf der linekn und rechten Seite des Giebels sieht man zwei allegorische Frauengestalten. Die linke erscheint in der Gestalt der Klugheit mit den Attributen des Spiegels (Selbsterkenntnis) und einer Schlange (Anpassung an konkrete Umstände), die rechte Gestalt hält einen Mond in der Hand, was oft als Symbol für Nacht oder Unerklärliches diente. Der Jugendstil hatte eben auch immer eine mystische und symbolistische Dimension.

Im Laufe seiner Geschichte hatte das Haus auch einige prominente Bewohner. Im 5. Stock wohnte dereinst Václav Jan Staněk, eine Naturforscher und 1938/39 zeitweiser Direktor des Prager Zoos (wir berichteten hier). Berühmt wurde er später aber vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Tierbücher, von denen das 1943 erschienene Buch O lvíčku Simbovi (dt. 1959: Simba das Löwenjunge) ein Weltbeststeller wurde. Er schrieb aber nicht nur über exotische Tiere, sondern auch über heimische Arten und viele Photos von urböhmischen Vögeln hatte er vom Balkon des Haus aus geknipst.

Und im Dachgeschoss hatte in den 1960er Jahren der damals sehr beliebte Maler Václav Kiml sein Atelier, ein preisgekrönter Künstler, der besonders durch seine abstrahierenden Stadt- und Landschaftsbilder bekannt wurde.

Kurz: Ein Haus mit Geschichte. Trotzdem wird es auf die meisten Passanten wegen des knuffigen Hundes einen bleibenden Eindruck hinterlassen. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s