Von der Nobeldruckerei zum Hotel

Die Eule – die Verkörperung der Weisheit. Wo mehr kann man Weisheit finden als zwischen den Deckeln eines schönen Buches? Deshalb ist die Eule, die auf einem großen Buch steht, auch kein schlecht gewähltes Symbol für eine renommierte Druckerei mit gehobenem Anspruch.

Das gefiederte Tier befindet sich über dem Eingang eines großen, vierstöckigen Gebäudes in der Svobodova 1961/1 in der Neustadt (Prag 2) unterhalb des Vyšehrad. In den Jahren 1906–1907 wurde es nach den Plänen des Architekten František Bohumír Zvěřina und es handelt sich um ein besonders hübsches Beispiel von Industriearchitektur im späten Jugendstil/frühen Art Déco. Im Jahre 1899 hatte sich ein Konsortium bekannter böhmischer Verleger wie Jan Otto, Jan Vilím,  František Topič (früherer Beitag hier) und anderen, gebildet, um eine Druckerei zu gründen, die ihren hohen Anspüchen genügte: Die Tiskárna Unie (Druckerei Union).

1905 erwarb man neben Vilíms bisheriger Druckerei in der Svobodoba noch ein riesiges Gründstück, um dort eine Druckerei von bisher kaum bekannten quantitaven und qualitativen Ausmaßen zu bauen. Das Konsortium hatte dafür genügend Kapital aufgebracht. Durchgeführt wurden die Arbeiten unter der Leitung des Architekten J. Libanský und dem Bauunternehmer Antonín Belada, die beide durch eine kleine Gedenktafel im Erdgeschoss der von Karel Hermann entworfenen Fassade verewigt wurden.

Zweck des Unternehmens, dessen Logo unter dem Dach an jder Ecke prangt, war es, höchste Druckkunst – besonders im Bereich der Bildreproduktiuon – in Massenproduktion zu ermöglichen. Das war ein geradezu ästhetisch-volkserzieherisches Unterfangen. Das Unternehmen florierte. Ende des Ersten Weltkriegs hatte man 560 technische Mitarbeiter und einen Verwaltungsapparat von 60 Personen. Es gab 73 moderne und elektrifizierte Druckmaschinen, die für Spezialbereiche wie Buchdruck, Lithographie und Heliogravure konzipiert waren. Eine zeitlang ließ der Staat hier sogar Banknoten und andere Wertdokumente anfertigen. 1920-21 und 1936-37 erweiterte und vergrößerte man den Komplex in der Svobodova sogar noch einmal.

Die Kommunisten verstaatlichten den Betrieb nach ihrer Machtergreifung 1948 und führten ihn unter staatlicher Kontrolle weiter. Im Jahre 1960 wurde das Unternehmen in Polygrafia umbenannt. Es domonierte in dieser Zeit die etwas einfachere Offsetdruck-Technik, aber im Kontext des Sozialismus waren die Produkte recht anspruchsvoll. Das Ende des Kommunismus überlebte das Unternehmen nicht. 2007 bis 2009 wurde das riesige Gebäude zu einem Hotel der Kette Park Inn umgebaut. Dazu wurde notwendigerweise das Innere vollständig umgestaltet und sogar (denkmalschutzkonform) im Hinterhof ein neuer Flügel erbaut. Die geschützte Fassade wurde in aller Pracht wieder aufgemöbelt. Mit ihrer klaren Struktur, den Verlagssymbolen und Sgrafitti trägt sie dazu bei, dass das Hotel gerade wegen seiner Industriearchitektur zu den schönsten in Prag zählt. (DD).

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