Gigantomanie für Massenturnen

Noch im allmählichen Verfall strotzt dieses Gebäude nur so von dem gigantomanen Selbstbewusstsein, das zu seiner Entstehung beitrug. Geht man die Fassade entlang, so sieht man rohen Beton und Stahl in brutalistischer Manier kühn geformt. Das zunehmend zerbröselnde Material verleiht dem Ganzen den Eindruck eines Relikt einer längst vergangenen sozialistischen Zukunft.

Dieser erste Eindruck stimmt zwar, aber doch eben nicht ganz. Das große Stadion Strahov (Velký strahovský stadion) im Stadtteil Břevnov kann auf eine Geschichte zurückschauen, die lange vor der Machtergreifung der Kommunisten 1948 begann. Der nach außen getragene Eindruck sozialistischen Brutalismus ist das Ergebnis von größeren Umbauten in den Jahren 1962 bis 1972, die von den Architekten Zdeněk Kuna, Zdeněk Stupka und Oliver Honke-Houfek durchgeführt wurden, aber nicht das ganze Gebäude betrafen. In dieser Zeit war Brutalismus allerdings auch im Westen der letzte Schrei. Man muss diesen Stil nicht mögen, aber zumindest ist es schwer, von den aberwitzigen Treppenkonstruktionen der Ostseite nicht fasziniert zu sein.

Allerdings sind größere Teile des Stadions älter und lassen sich nicht in diese Kategorie pressen, was man erst bei genauerem Hinsehen bemerkt. Die südliche und die nördliche Seite wurden zum Beispiel in dieser Form in den Jahren 1938/39 (nach der Kriegsunterbrechung 1947/48 fortgesetzt) erbaut und basieren auf den Plänen der Architekten Ferdinand Balcárek und Karel Kopp. Man kann schön erkennen, dass es sich hier eindeutig um frühe funktionalistische Gebäude handelt.

Im Grunde sind Süd- und Nordflügel sogar recht konventionell gebaut, denn man behielt bei den Stützpfeilern für die großen Tribünen sogar den klassizistischen Säulenrhythmus bei. Alles ist geradlinig strukturiert; kein Experiment in Formbarkeit von Materie. Das war in den 1930er Jahren gerade bei Stadionbauten ein allgemein zu beobachtender Trend. Die Tatsache, dass aber auch hier schon Stahl und Beton verwendet wurden, sorgt dafür, dass die Unterschiedlichkeit der Stile nicht unmittelbar auffällt. Allerdings war auch diese Materialwahl nicht die ursprüngliche, denn die Bauspase von 1938/39 war nicht die erste gewesen.

Schon 1926 hatten die Planungen für das Stadion begonnen, für die sich der damalige Stararchitekt Alois Dryák (frühere Beiträge u.a. hier und hier) verantwortlich zeigte. Der Originalbau hatte an der Süd- und Nordseite noch Holztribünen, die dann eben in den 1930er Jahren durch die heute sichtbaren Betonbauten ersetzt wurden. An der Westseite kann man immer noch sehen, dass die Höhendimensionen des ersten Stadions deutlich geringer sind als die neueren Bauteile.

Auch die Ziegelbauweise deutete noch auf eine bescheidenere Außendarstellung hin. Was nicht heißen soll, dass das Stadion damals bescheiden in seinen Ausmaßen war. Im Gegenteil: Die Fläche des Stadions war damals wie heute gigantisch. Die Fläche umfasst in ihren Maßen mehr als sieben konventionelle Fußballfelder. In seiner Blütezeit konnte das Stadion fast 250.000 Zuschauer fassen.

Warum so groß? Nun, das Sportfeld wurde in der Zeit der Ersten Republik (1918-1939) vor allem vom Turnerbund Sokol (Falke) genutzt. Der diente nicht nur der Körperertüchtigung, sondern war in den Zeiten des Habsburgerreichs im 19. Jahrhundert eine durchaus politische Organisation, die sich dem Ziel der Selbstbestimmung Böhmen und der Tschechen verschrieben hatte. Dazu organisierte der Sokol immer wieder Turnfeste mit Massenbeteiligung und synchroner Gymnastik, was als demokratische Demonstration der Stärke gedacht war.

In der Republik waren diese Turnerfeste, die immer gigantischere AUsmaße annahmen, ein Teil der Staatsfolklore. Präsident Masaryk besuchte die Feste regelmäßig. Eine zeitlang wurde das Stadion sogar bisweilen Masaryk Stadion (Masarykův stadion) genannt. Auch hier blieben die Spiele im republikanischen Sinne politisch. 1938 standen sie unter dem Motto, dass man sich dem drohenden Krieg und den Nazis entgegenstellen wollte; die Spiele 1948 waren ein letztes Aufbäumen gegen die Diktatur der Kommunisten, die gerade die Macht ergriffen hatten.

Die Kommunisten nahmen an dem republikanischen und bürgerlichen Geist der Sokolnationalfeste natürlich Anstoß und verboten sie einfach, nachdem sie in den ersten Jahren noch versucht hatten, sie zu „übernehmen“. Allerdings passte das Massenturnen und die Synchronisation von Menschen im gleichen Rhythmus doch irgendwie in die ästhetische Werbemasche der neuen roten Herren. Also führten sie stattdessen eine ideologisch kompatible Variante der Feste ein, die Spartakiaden. Die nochmalige Vergrößerung des Stadions im brutalistischen Stil passte hier klar ins Konzept. Die Feste fanden alle vier Jahre Fest und beim Fest von 1985 kündigte man bereits frohgemut die Spiele von 1989 an. Aber da kam schon das Ende des Kommunismus durch die Samtene Revolution. Da war es wieder vorbei mit den Spartakiaden.

Der erste Präsident der demokratischen Tschechischen Republik, Václav Havel, ließ es sich 1994 nicht nehmen, das erste große Sokolfest zu eröffnen. Und nach dem Kommunismus gab es ja auch Grund zum großen Feiern. 1990 spielten hier die Rolling Stones vor 100.000 Menschen, darunter Václav Havel daselbst. Das Stadion war der Ort, wo man Spaß hatte.

Aber, schon damals bemerkte man das Abbröckeln des Betons. Es wurde immer riskanter, riesige Menschenmassen auf die Tribünen zu lassen. Die zugelassenen Sportevents (etwa Polo) wurden immer kleiner und es gab eine Diskussion, ob man das Stadion nicht abreißen sollte. Teile wurden immerhin 2003 mit Geldern der Stadt Prag für den Fußballverein AC Sparta Praha (Athletic Club Sparta Praha fotbal a.s.) renoviert, aber eben nur Teile. Es diente nun als Trainungszentrum. Seit 2014 gehört das Stadion der Stadt. Neben den Trainings gibt es dort nun einige Läden. Nur noch kleine Jugendsportveranstaltungen finden hier statt, meist mit nur wenigen hundert Zuschauern.

Vor dem Stadion steht ein Turm, den (wohl nicht nur) ich zunächst für einen organischen Teil des Ganzen hielt, weil er eine ebensolche Beton- und Stahl-Ausstrahlung hat wie das Stadion. Er hat aber nichts damit zu tun. Unter dem Stadion verläuft nämlich seit 1997 der Strahov Tunnel (Strahovský tunel), der eine schnelle Umfahrungsmöglichkeit für Autofahrer bietet, die sich nicht durch die enge Innenstadt quälen möchten. Der riesig dimensionierte Turm ist in Wirklichkeit nur ein Belüftungsschacht für den Tunnel – allerdings einer, der zu der Gigantomanie des Stadions passt. (DD)

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