Der Schwan: Im Dienst von Sauberkeit und Gesundheit

Ist das Göttervater Zeus, der sich als Schwan der badenden Leda unsittlich nähern will? Auf jeden Fall signalisiert das stolz über dem Giebel thronende Tier, dass das darunter befindliche Gebäude die Möglichkeit eines gepflegten Bades bot. Der Schwan: Im Dienst von Sauberkeit und Gesundheit!

Zeus hätte sich tatsächlich gut tarnen müssen, denn als das kleine Kur- oder Badehaus (Lázeňský dům) in der Dukelských hrdinů 848/17 im Stadtteil Holešovice (Prag 7) im Jahre 1899 erbaut wurde, achtete man natürlich noch streng auf Züchtigkeit. Die Bäder waren nach Geschlechtern getrennt, was auch für die Umziehkabinen galt, von denen es im Erdgeschoss (wo es auch je einen Warteraum für Damen und Herren und eine Kasse gab) je drei für kleine Jungen und Mädchen, 11 für Männer und 10 für Frauen gab. Im ersten Stock befanden sich die Bäder (Spa) und im Nordflügel eine Saunaanlage. Das Ganze war eine öffentliche Einrichtung. Deshalb prangt über dem Eingang auch stolz das Stadtwappen Prags. Damals waren für die meisten Menschen in Prag saubere und gesunde Bäder ein unerreichbarer Luxus, denn nur reiche Haushalte konnten sich fließendes und reines Wasser leisten. Die Stadtväter, nun um Hygiene und Volksgesundheit besorgt, sahen die Errichtung eines Kur- und Badehauses als öffentliche Aufgabe an.

Das Kurbad wurde von dem Architekten František Velich erbaut, der gleichzeitig Leiter des Prager Baubüros war (und als solcher z.B. den Tunnel unter dem Vyšehrad geplant hatte, über den wir hier berichteten). Ausführen ließ Velich den Bau von dem Bauunternehmer Josef Kindl, während die Tischlerarbeiten innen von Václav Hrabě und die skulpturale Ausstattung (also wohl auch den Schwan!) dem Steinmetz und Bildhauer Ferdinand Palouš übertrug. Von außen hat das Gebäude seither seine Gestalt bewahrt. Es handelt sich um ein freistehende Gebäude im Stil der Neo-Renaissance (mit kleinen Anleihen von Klassizismus und Jugendstil).

Die davor entlang laufende Straße ist heute eine zentrale Verkehrsachse. Und die ist lärmig. Umso mehr ist man erstaunt, dass man hinter dem Kurbadhaus eine kleine Ruheoase findet. Zwischen dem Haus und der nahen kleinen Kirche des Heiligen Klemens (Kostel svatého Klimenta) befindet sich ein sehr kleiner, aber hübscher Park, der zum Verweilen einlädt. Die Ruhe und Erholung an der frischen Luft nach dem Bade dürfte damals ein Teil des gesundheitsfördernden Gesamtanliegens gewesen sein. Und es war sicher sehr angenehm, so etwas inmitten der Großstadt geboten zu bekommen. Hinzu kommt, dass das Gebäude, das den Park irgendwie ein wenig vom Straßenlärm abschirmt, sich sehr geschmackvoll ausnimmt – mit dem Schwan, zwei Wandmedaillons mit Portraits und den dorischen Säulen des Portikus.

Wer nach dem Lesen dieser Zeilen nun die Badehose einpackt, sich die Flipflops anzieht und das Badetuch einrollt, um nun hier entspannt im Wasser zu relaxen, wird allerdings enttäuscht werden, wenn er hier ankommt. Das Haus wurde insbesondere nach dem Weltkrieg enorm umgebaut (Hraběs Holzvertäfelungen verschwanden zum Beispiel) und am Ende sogar zweckentfremdet. Die Sauna verschwand in den 1980ern als letztes. Seither wird hier nicht mehr gebadet. Heute residieren hier primär medizinische Zentren und eine Reha-Praxis. Nun ja, das Problem von 1899, dass die Wohnungen der meisten Menschen über kein fließendes Wasser verfügen, besteht ja heute auch zum Glück nicht mehr. Und der Gesundheit verpflichtet ist man im Hause ja immer noch – nur eben anders. Und immer noch unter dem Zeichen des Schwans. (DD)

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