Vielseitiges Talent

Als man sie noch nicht auf Film bannen konnte, war es nicht so leicht, die Leistungen großer Schauspieler und ihr künstlerisches Erbes der Nachwelt zu vermitteln. Zu vergänglich sind das gesprochene Wort und die wirkungsvolle Geste auf der Bühne. Nimmt man allerdings die die Größe und Opulenz der Gedenkplakette am Wohn- und Sterbeort als Maßstab, dann ist auch heute noch eindeutig klar, dass Josef Jiří Kolár, der heute vor 125 Jahren (am 31. Januar 1896) starb, zu den ganz Großen seiner Zunft in Böhmen gehörte.

Die im Jahre 1912 auf Höhe des ersten Stocks des vierstöckigen Wohn- und Mietshauses in der Na Zderaze 2007/7 (Ecke Záhoranského) in der Neustadt angebrachte Gedenktafel ist jedenfalls überdurchschnittlich monumental ausgefallen. Sie ist das Werk des Bildhauers und Medailleurs Karel Opatrný. Über dem Portraitrelief Kolárs mit dem Hinweise, er habe hier zuletzt gelebt und sei hier gestorben, hat Opatrný noch eine kleine antikisierende Allegorie auf das Theater eingefügt – mit einer trauernden Muse über einem Putto, der eine klassische Theatermaske in der Hand hält. Als die Bronzeplakette an dem 1907 im feinsten Spätjugendstil erbauten Haus angebracht wurde, war Kolár (geb. 1812) bereits 16 Jahre tot, aber nicht vergessen.

Nun ja, der Mann hatte auch einfach was auf dem Kasten, wie man so salopp sagt. Schon als kleines Kind konnte er fließend Altgriechisch und Latein lesen und verstehen. Später kam die bühnenreife Beherrschung von Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch (für das er wohl einen besonderen Faible hatte) hinzu. Nach einem erfolgreichen Studium in Naturwissenschaften und Philologie an der Prager Karlsuniversität, kam noch Ungarisch dazu, da er 1833 als Hauslehrer einer Adelsfamilie nach Budapest ging, und dort gleich noch ein abgeschlossenes Medizinstudium dranhängte. Wie viele Intellektuelle der Zeit begann er, einem tschechischen Patriotismus zu entwickeln, weswegen er mit einem ungarischen Adligen in einen Streit über den Vergleich der ungarischen und tschechischen Sprache ein Duell ausfocht, bei dem er verletzt wurde, aber gottlob überlebte.

Ein nationalistischer Chauvinist war er aber nicht, was nicht nur seine Liebe zur internationalen Weltliteratur, sondern auch die Tatsache, dass er schon ein Jahr nach dem Duell die aufstrebende junge, aber deutschstämmige Schauspielerin Anna Manetínská ehelichte.

Ende der 1830er wieder in Prag, überzeugte ihn dort der Dramatiker Josef Kajetán Tyl (der Dichter des Textes der tschechischen Nationalhymne, worüber wir hier berichteten), ins Theatergeschäft einzusteigen. Dort überzeugte er nicht nur als Darsteller in Stücken von Goethe, Schiller und Shakespeare, sondern wurde vor allem als Übersetzer Shakespeares in Tschechische berühmt. Dem Erfolg seiner Hamlet-Übersetzung (1853) folgte das Projekt einer ersten tschechischen Gesamtausgabe des Stratforder Barden, das 1872 abgeschlossen war. Englische Literatur liebte er sowieso, was auch erklärt, warum er sich Josef Jiří Kolár nannte, obwohl er eigentlich nur Josef Kolár hieß. Er hatte einfach den Vornamen seines Idol Lord George Byron ins Tschechische übersetzt – eben Jiří! – und in seinen Namen eingefügt. Nebenbei schrieb er noch einige eigene Stücke, die meist nationalpatriotische Themen hatte, etwa Žižkova smrt von 1851 über den Tod des Hussitenfeldherren Jan Žižka. Heute meist vergessen, waren sie damals große Erfolge. Um das Bild dieses vielseitigen Talents abzurunden, sei noch erwähnt, dass er auch als Theatermanager erfolgreich war. Ab 1862 leitete er das Provisorische Theater, aus dem sich dann 1881 das heutige Nationaltheater (Národní divadlo) entwickeln sollte. Dessen Chefdramatiker wurde er dann auch sogleich. Kurzum: Kolár brauchte den Film nicht, um seinen Nachruhm zu sichern. Sein Platz in der Geschichte der Bühne ist hierzulande für immer gesichert. (DD)

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