Ein großer Industrieller, der schrecklich endete

Seine Pracht und den Wohlstand verdankt Prag nicht zuletzt seinen großen Industriellen, die im 19. Jahrhundert Böhmen zum wohlhabendsten Teil des Habsburgerreichs machten. Einer von ihnen war Emil Kolben, dessen Villa man heute noch in der Hradešínská 976/1 im Stadtteil Vinohrady (Prag 10) bewundern kann, und dem ein schreckliches Schicksal widerfuhr.

Kolben war Sprößling einer deutschsprachig jüdischen Familie aus Prag. 1888 hatte er in Amerika als Chefingenieur in der Firma des großen Erfinders Thomas Edison gearbeitet. 1889 lernte er bei keinem Geringeren als Nikola Tesla die neue Wechselstromtechnik. Derart mit Fachwissen gewappnet gründete er 1896 die Firma Kolben a spol, a.s. (Kolben & Co.). Die entwickelte sich bald zu einem führenden Unternehmen der Elektrotechnik in Böhmen. 1927 entstand durch Fusion mit zwei anderen Firmen die immer noch existierende ČKD (Českomoravská-Kolben-Daněk), ein Industriegigant der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der in der Zwischenkriegszeit zu den größten Arbeitgebern der Tschechoslowakei wurde. Noch heute kann man Teile der alten Anlagen im Prager Industrieviertel Vysočany bewundern, dessen Hauptverkehrsader bezeichnenderweise die ul. Kolbenova ist.

Gewohnt hat er allerdings nicht hier, sondern im weitaus vornehmeren Vinohrady. Dort ließ er sich 1897 – ein Jahr nach Gründung von Kolben a spol – von dem Architekten Josef Svoboda die Kolbenova vila, manchmal auch Červená vila (Rote Villa) genannt, bauen. 1916/17 ließ er noch einige geringfügige Änderungen im Zuge einer Instandsetzung durch den Baumeister Josef Domek durchführen. Der große Turm verleiht dem Haus ein wenig den Charakter einer Burg. Von hier aus konnte Kolben den Blick über den heute Garten der Brüder Čapek (Sady bratří Čapků) genannten Park schauen (früherer Beitrag hier).

Überhaupt hatte der innovative Unternehmer sich ein stilistisch erstaunlich konservatives Domizil geschaffen. Es handelt sich um ein typisch historistisches Gebäude, dessen großes Satteldach auf dem Turm von Renaissancebauten inspiriert ist. Optisch herausragend wird es durch die vorstehende Veranda im Erdgeschoss und vor allem durch die Holzarbeiten des Giebels, die ein wenig daran erinnern, dass damals der Jugendstil en vogue war. Sie sind erst im Zuge der Umgestaltung von 1916/17 entstanden. Das Ganze wirkt eigentlich recht heimelig und nicht sonderlich großprotzig.

Kolben konnte seinen Erfolg als Unternehmer und das Leben in seiner Villa nur bis 1939 genießen. Als die Naziarmeen einmarschierten, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Leitung des Unternehmens entfernt.

Das war erst der Anfang, denn die Nazis waren gnadenlos. Schon kurz darauf wurden er und seine gesamte Familie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Er starb dort an Auszehrung und Erschöpfung im September 1943. Außer ihm wurden noch 26 andere Mitglieder seiner Familie von den Nazis ermordet; nur sein 1926 geborener Enkel  Jindřich überlebte.

In den Zeiten des Kommunismus verkam das Haus ein wenig. 1992 wurde eine Renovierung durchgeführt und schließlich, im Jahre 2014, übernahm die Stadtregierung von Prag 10 das Haus – anscheinend ohne einen richtigen Plan, was sie damit machen wollte. Immerhin wurde eine Tafel angebracht, die an das Schicksal Kolbens erinnert. Seither wird das Gebäude sporadisch für öffentliche Anlässe genutzt, bleibt aber ein Zankapfel der lokalen Politik. Einer der Pläne, die diskutiert werden, ist die Einrichtung eines Museums, das an Kolben, seine Verdienste als Industrieller und an sein schreckliches Ende erinnert. Das wäre in der Tat eine sehr angemessene Nutzung. (DD)

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