Sandstein und künstliche Höhlen

Prag liegt an einer geologischen Bruchzone. Hier beginnt im Süden der Böhmische Karst mit seinen erodierten Kalksteinfelsen, von Norden ragt noch der letzte Ausläufer jenes Sandsteingebirges hinein, das noch weiter nördlich mit der Sächsischen bzw. Böhmischen Schweiz seinen landschaftlichen Höhepunkt erreicht.

Schon alleine, weil sie direkt neben den großen Wohnbezirken Vysočany und Prosek (beide Prag 9) liegen, die sich beide auf einem steilen Abhang über dem Prager Tal befinden, sind die Sandsteinfelsen von Prosek (Prosecké skály) ein beliebter lokaler Ausflugsort. Aber der eigentliche Grund ist, dass es sich um ein landschaftliches Juwel mit viel Fels und viel Grün handelt. Und das Ganze ist gut erschlossen mit kleinen Wanderwegen und kleine Infotafeln (leider nur in Tschechisch, vermutlich, weil es abseits der normalen Touristenrouten liegt).

Die Beliebtheit bei den meist tschechischen Ausflüglern hat auch ihre Schattenseiten, denn eine Hauptattraktion musste deshalb geschlossen werden, nämlich die berühmten Höhlen von Prosek. Deren Gänge sind mehrere Hundert Meter lang. Möglicherweise gibt es sogar noch unerforschte Nebengänge, die verschüttet sind.

Nun gibt es im südlichen Karst viele natürliche Höhlen, die größte davon die Tropfsteinhöhle von Konĕprusy über die wir bereits hier berichteten. Aber im Sandstein kommen sie eher selten vor. Die Erklärung ist, dass die Höhlen hier künstlich sind. Seit dem 17. Jahrhundert wurde hier Sand abgebaut. Der erreichte Ende des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt, ehe er in den 1920ern eingestellt wurde. Der Abbau aus Höhlen (im Prinzip Minen) hatte gegenüber dem Tagebau den Vorteil, dass er im kalten Winter besser betrieben werden konnte, weil drinnen die Temperatur immer gleichmäßig über dem Gefrierpunkt befindet.

Über die Höhlen gibt es viele Legenden, die aber tatsächlich auch nur Legenden sind. Die bekannteste ist die, dass es sich um einen gigantischen unterirdischen Pilgerpfad aus dem frühen Mittelalter handle, der die nahegelegene Wenzelskirche, die angeblich vom Heiligen Wenzel selbst geweiht worden sein soll, mit dem Ort Stará Boleslav verbindet, wo der heilige im Jahre 935 ermordet worden war. Dann wäre der Gang über 20 Kilometer lang. Das ist natürlich ebenso Unsinn, wie das Gerücht, in den Höhlen hätten 1968 Sowjetsoldaten heimlich die Leichen von Erschossenen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings verscharrt.

Historische Realität ist allerdings, dass die Höhlen Jugendliche zum Feiern von Parties oder einfach nur Vandalen anlockten. Es war am Ende nicht mehr möglich, die Eingänge offen zu halten. Anfang des Jahrtausends wurde von der Regierung des Stadtteils ein Pflegeplan verabschiedet, der die Felsen und ihre Umgebung schützen sollte. Das half, denn heute sieht das Areal nicht mehr vermüllt aus. Dabei wurden die Eingänge zu den Höhlen, die tiefer hinein führen, zugemauert. Einen Eindruck von der Höhlenszenerie vermitteln nunmehr kleine Eingänge von maximal 3 Meter Tiefe.

Darüber freut sich die Fauna. Ab und zu sieht man einen zugemauerten Eingang mit einer kleinen Fensteröffnung. Das ist für die Fledermäuse, die nun die wieder gewonnene Einssamkeit und die Abwesenheit von Vandalen als paradiesisch empfinden. Es herrscht eine wilde Artenvielfalt, etwa repräsentiert durch die Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros) oder das Große Mausohr (Myotis myotis) und viele mehr. Das ist schön!

Andererseits ist es legitim, die Höhlen auch als Touristenmagnet zu nutzen. Nur selten bekommt man so etwas schließlich so stadtnah geboten. Seit 2017 diskutiert die Stadtverwaltung eine Vorlage, ob man nicht doch wieder Abschnitte vorsichtig und im Einklang mit Naturschutzanliegen öffnen könne, dann aber nur mit geführten Touren für wirklich Interessierte. Das könnte, wenn es richtig gemacht wird, Prag als Ausflugsort eine spannende Komponente hinzufügen. (DD)

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