Liebevoll restaurierter jüdischer Friedhof

Es gibt, wie wir hier berichteten, Ausnahmen, aber insgesamt setzt Prag bei der Pflege seines reichen jüdischen Kulturerbes Standards. In besonders mustergültiger Weise gilt dies für den Alten Jüdischen Friedhof in Smíchov (Starý židovský hřbitov na Smíchově) in der Straße U Staré Židovský hřbitova 2556 in Prag 5.

Der alte jüdische Friedhof im Judenviertel von Josefov war im 17. Jahrhundert bereits zu klein geworden, was zur Anlage eines neuen  jüdischen Friedhofs im Stadtteil Žižkov führte. In den 1780er Jahren verbannte Kaiser Joseph II. aus sanitären Gründen alle Kirch- und Friedhöfe in den Innenstädten und ordnete die Anlage großer Friedhöfe außerhalb des Zentrums an. Deshalb wurde 1788 in Smíchov ebenjener jüdische Friedhof auf einer Anhöhe über der Stadt angelegt. der mit 1529 m² recht großzügig bemessen war. Die Grabsteine – oft echte kleine Kunstwerke – spiegeln die vielen Epochen der Kunstgeschichte der Zeit der Nutzung wieder (links oberhalb ein schönes Beispiel für Klassizismus).

Etliche bedeutende Prager Juden sind wurden hier im Laufe der Zeit beerdigt, etwa die Frauenrechtlerin Julie Roubíčková, die 1918 starb, und zuvor Vorsitzende der böhmischen Gesellschaft Jüdischer Frauen (Spolek židovských žen) war. Oder der Dichter Rudolf Fuchs, der 1939 als deutschsprachiger Schriftstellervor den Nazis ins Exil nach England floh, um 1942 bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben zu kommen. Seine Urne wurde kurz nach dem Krieg hier (als Ausnahme, da der Friedhof bereits stillgelegt war) beigesetzt. Es ist, wenn man die vielen deutschen Inschriften auf den Gräbern sieht, eine grausige Ironie der Geschichte, wieviel deutsche Kultur die Nazis mit der Vernichtung der Juden gleich mitzerstörten.

Auf die Dauer war der Friedhof dennoch zu klein. Die Stadt Smíchov (die erst 1922 Teil Prags wurde) eröffnete 1896 den neuen großen Malvazinky-Friedhof (der weiter unten im Tal liegt). Dabei wurde 1903 als Abteilung dieses neuen Friedhofs der Neue Jüdische Friedhof von-Smíchov eingerichtet. Bis 1937 fanden aber immer noch ab und an reguläre Beerdigungen auf dem Alten Jüdischen Friedhof statt. Die schlimme Zeit begann mit dem Einmarsch der Nazis 1939. Der Friedhof wurde geschlossen und dem Verfall überlassen – eine Politik, die sich anschließend unter den Kommunisten fortsetzte. Vandalen zerstörten immer wieder Gräber, Grabsteine wurden als Baumaterial gestohlen, die Begräbnishalle verfiel. Es blieb eine traurige Wüstenei.

1994 nahmen die Stadtregierung von Smíchov und die Jüdische Gemeinde die Sache in die Hand und eine umfassende und sehr gelungene Restaurierung erfolgte. Von den rund 600 erhaltenen Grabsteinen stehen nun 422 sichtbar und in gutem Zustand wieder am ursprünglichen Ort. Die Leichenhalle, die im frühen 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil erbaut wurde, sieht ebenfalls wieder schick aus, ist aber in ein Wohnhaus umgewandelt worden.

Eine kleine Infotafel (leider nur auf Tschechisch) präsentiert die Geschichte des Friedhofs. Dort erfährt man auch die Telefonnummer, bei der man sich für eine kleine Führung anmelden kann, denn das ummauerte Areal ist normalerweise nicht betretbar. Betreut wird der Friedhof von einer von der jüdischen Gemeinde gegründeten Aktiengesellschaft namens Matana, die sich der Pflege jüdischer Kulturdenkmäler annimmt. Sie tut das, so muss man aus dem blitzblanken Zustand des Friedhofs schließen, ausgesprochen professionell und mit hohen Qualitätsstandards,. (DD)

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