Windsor in Prag

Wer nach dem Brexit ein Stück fast echtes England sehen möchte, der gehe hier hin, um sich dieses kleine „Schloss Windsor“ in Prag anzuschauen, das sogenannte Lustschloss des Statthalters (Místodržitelský letohrádek). Britischer geht’s nimmer.

So sah es hier natürlich nicht immer aus, denn die Anfänge des Gebäudes gehen bis in Zeiten zurück als es die Windsor-Gotik noch nicht gab – und schon gar nicht als böhmische Imitation. Die Ursprünge des Schlosses gehen in das Jahr 1266 zurück, als König Otakar II. im Areal einen Wildpark anlegte, der unter dem Namen Stromovka heute ein öffentlicher Park ist. Dazu gehörte natürlich auch ein entsprechendes Schloss, das dementsprechend damals noch als Jagdschloss bezeichnet wurde. Und noch heute kann man die schöne Aussicht auf die Natur von hier oben bewundern.

Der böhmische König Vladislav II. aus dem polnischen Herrschergeschlecht der Jagiellonen baute in den Jahren 1495 bis 1502 das Schlösschen im neogotischen Stil um. Möglicherweise sah es da dem heutigen Gebäude schon ein wenig ähnlicher als heute. Es folgte eine neuerliche Umgestaltung in den Jahren 1580 bis 1594, diesmal im Stil der Renaissance. Die schwedische Belagerung im Dreissigjährigen Krieg überlebte das Schloss 1648, weil sich einer der schwedischen Generäle hier niederließ. Aber das Gebäude erlitt schwere Schäden als 1744 die Preußen im Zuge des Österreichischen Erbfolgekriegs das Jagdschloss mit Artillerie beschossen. Danach stand es meist leer und verfiel allmählich.

Das änderte sich als der frühere königliche Finanzminister Johann Rudolph Chotek von Chotkow in seiner neuerlichen Eigenschaft als Staatsminister und Oberstburggraf in Böhmen, die er 1802 bis 1805 innehatte, sich der Sache annahm. Er wandelte 1804 den Wildpark in eine Parkanlage für die Bürger um und leitete 1805 den abermaligen grundlegenden Umbau des Schlosses ein. Da er als „Statthalter“ des Königs agierte, heißt das Schloss seit her so, wie es eben heute heißt: Lustschloss des Statthalters. Der Umbau erfolgte nach den Plänen der Architekten Antonio Palliardi und Georg Fischer nunmehr in jenem Windsor-Stil, der in dieser Zeit als der vollendete Ausdruck von Burgenromantik in Mode war.

Mit der Gründung der Ersten Republik im Jahre 1918 wurde es seiner bisherigen königlichen Bestimmungen entledigt. Eine zeitlang diente es der YWCA (Christian Youth Women Association) unter der Schirmherrschaft der Präsidentengattin Alice Garrigue Masaryková als Sommerrefugium. Das endete mit der Nazi-Besetzung 1939. Das Gebäude wurde von der Gestapo requiriert. Nach der Befreiung 1945 übernahm der Staat es und übergab es ein Jahr später der Zeitschrift- und Zeitungsabteilung des Nationalmuseums als Archiv. Und dieser Funktion dient es heute immer noch. Bei jedem Spaziergang durch den Stromovka-Park gehört das Lustschlösschen jedenfalls zu den Highlights. (DD)

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