Brutalismus und Sport

Dass der Brutalismus als Architekturstil gut zum Thema Sport passen könnte, hatte man schon in den Zeiten des Sportunterrichts in der Schule unterschwellig geahnt. Aber beim Anblick dieses Gebäudes wird es zur Gewissheit. Die Rede ist von der Sporthalle Folimanka (Sportovní hala Folimanka).

Und dann steht das Ding auch noch direkt bei einem anderen gigantomanischen Werk des Brutalismus, der 1973 eröffneten Nusle-Brücke (früherer Beitrag hier), die damals noch nach dem stalinistischen Kommunistenchef Klement Gottwald benannt war. Kurz: Wer hier im Folimanka Park in Vinohrady am netten Flüsschen Botič ein wenig spazieren geht, kommt als Freund dieses Stils voll auf seine Kosten.

Der Brutalismus: Nachdem irgendwann der stalinistische Zuckerbäckerstil auch bei den Kommunisten „out“ war, fand man in den kommunistischen Ländern in den 1970er Jahren wieder zu einem architektonischen Formalismus zurück, der unter Stalin ein geradezu todeswürdiges Verbrechen war. Mit Beton, Stahl und Glas wollte man in abstrakter und funktionalistischer Manier den kühnen sozialistischen Gestaltungswillen ausdrücken, ohne die frühere Volkstümelei zu pflegen. So etwas gab es zu dieser Zeit auch im Westen, sollte der Fairness halber hinzugefügt werden.

In diesem Geist wurde in den Jahren 1972 bis 1976 die Folimanka-Sporthalle nach den Plänen des Architekten Jiří Siegel erbaut. Sie sollte primär der Pflege des Basketballsports dienen. Dafür war Spiegel der richtige Mann, denn er war nicht nur ein geschulter Architekt mit einem Hang zu sportbezogenen Gebäuden (z.B. das Skiresort Poustevnik in Pec pod Sněžkou, Riesengebirge), sondern auch selbst Basketballspieler der Weltklasse, gehörte er doch 1948 zur tschechoslowakischen Olympiamannschaft in diesem Sport.

Heraus kam dabei ein geradezu archetypischer Brutalismusbau mit quadratischem Grundriss (40x40m) und einer nach oben sich abschrägenden Fassade, die mit schwarzem Schiefer und in Stahl gefasstem verdunkeltem Glas besteht. Das Ganze wirkt schon ein wenig düster und eben brutal.

Selbst der nicht unter kommunistischer Herrschaft aufgewachsene Mensch wird bei näherem Hinschauen dann doch gemeinsamkeiten mit dem eigenen, westlichen Erfahrungshorizont finden. Denn wir befinden uns ja stilistisch in den 1970er Jahren. Und in dieser Zeit galt in Ost und West gleichermaßen, dass guter Geschmack in Sachen Farbe ein bürgerliches Vorurteil sei und der emanzipatorischen Entwicklung der Menschen im Wege stünde. Gerade als Kontrast zu dem grau-schwarzen Schiefer der Fassade konnte das eulenförmige Logo, dass sich der Designer Karel Pekárek für das Gebäude ausdachte nur in der systemübergreifenden Modefarbe der Zeit gehalten sein, einem quietschfarbenen Orange.

Das setzt sich auch andernorts fort. Etwa an der Beschriftung oberhalb der Eingangstore oder an deren Öffnungsgriffen. Auch im Inneren soll das ganze Wegweisersystem in dieser geschmackvollen Farbe gestaltet sein – ein wahres Retrovergnügen für jeden, der dieses Zeit erlebt hat. Innen ist das seit 1992 als Denkmal registrierte Gebäude zahlreichen Änderungen und Modernisierungen unterzogen worden, aber immerhin ist wohl die eigentliche Halle im Originalzustand.

Aber auch außen hat man sich um Kunstsinn bemüht. Vor dem Haupteingang steht zum Beispiel – wenngleich zum Schutz vor Vandalismus (der unter Sportfans im Bannkreis des Brutalismus möglicherweise besonders gedeiht) ein wenig eingezäunt, eine Skulptur. Die Statue eines Basketballspielers ist das Werk des Bildhauers Zdeněk Němeček. Sie wurde im Jahr 1977 hier aufgestellt, also ein Jahr nach Eröffnung der Halle. Obwohl der Schluss naheläge, handelt es sich bei der schlaksigen Gestalt wohl nicht um ein Portrait des Erbauers Jiří Siegel aus der Zeit als Spieler in der Nationalmannschaft.

Die Sporthalle dient vor allem als Heimspielstätte des USK Praha (Univerzitní Sportovní Klub Praha), einem der erfolgreichsten tschechischen Basketballteams. 14 Mal gewann er den Meistertitel des Landes; einmal sogar den FIBA Europapokal der Pokalsieger. Aber auch Judo oder Gymnastik werden hier betrieben. Deshalb steht eine kleine Bronzeskulptur mit dem Titel Gymnastka (Gymnastin) neben dem Gebäude auf dem Folimanka Park. Sie ist das Werk des Bildhauers Václav Frydecký. Das sich grazil verrenkende Mädchen steht hier seit 1981. (DD)

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